Ungesunde Ernährung, wenig Bewegung: Das sind die Hauptursachen für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter. / © Getty Images/ljubaphoto
Die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht und Adipositas ist ungebrochen hoch. Bei Vorschulkindern liegt der Anteil mit Übergewicht beziehungsweise Adipositas laut Robert-Koch-Institut bei 8,6 bis 13,4 Prozent. Das geht aus Daten von Schuleingangsuntersuchungen aus 13 Bundesländern hervor. Eine weitere wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Je höher die sozioökonomische Benachteiligung, desto höher die Übergewichts- und Adipositasprävalenz.
Aktuelle Daten der Initiative der Europäischen Region der WHO zur Überwachung von Adipositas im Kindesalter (COSI) zeigen: Bei den europäischen Grundschulkindern zwischen sieben und neun Jahren lebt im Durchschnitt ein Viertel mit Übergewicht, 11 Prozent davon mit Adipositas. Die COSI-Studie bezieht sich auf Daten von rund 470.000 Kindern aus 37 Ländern.
Dabei sind die Unterschiede zwischen den Ländern teils erheblich und schwanken bei der Prävalenz von Übergewicht (inklusive Adipositas) zwischen etwa 9 und über 40 Prozent. Südeuropäische Länder führen die Statistik an. Deutschland liegt mit rund 25 Prozent im Mittelfeld. Die WHO-Untersuchung zeigt überdies, dass fast zwei Drittel der Eltern nicht einschätzen können, ob das eigene Kind übergewichtig ist.
Angesichts dieser hohen Zahlen sowie Fehleinschätzungen durch Eltern erscheint die Einführung der neuen Früherkennungsuntersuchung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) sinnvoll. Der Fokus der sogenannten U10 liegt auf den Themen Übergewicht, körperliche Aktivität, digitaler Medienkonsum und psychische Auffälligkeiten. Dadurch soll eine Lücke zwischen der U9, die im Alter von etwa fünf Jahren stattfindet, und der J1, die sich an Jugendliche zwischen 13 und 14 Jahren richtet, geschlossen werden.
In einer Pressemitteilung des G-BA betont Dr. Bernhard van Treeck, unparteiisches Mitglied des G-BA: »Speziell für Kinder im Alter zwischen 9 und 10 Jahren weisen Studienergebnisse auf besondere Risiken hin: Zu viel Handy- oder Computernutzung kann zum Beispiel zu Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen führen. Bewegungsmangel vermindert die körperliche Fitness und kann Übergewicht und andere Erkrankungen begünstigen.« Bis die neue Früherkennungsuntersuchung bei Kinderärzten angeboten wird, werden allerdings noch einige Monate ins Land ziehen.
Zu den Krankheiten, die durch Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter begünstigt werden, gehören:
Adipositas gilt als chronische Erkrankung. Während Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen klar über den BMI definiert sind, gestalten sich die Grenzen bei Kindern und Jugendlichen durch das Wachstum und die Veränderung der Körperzusammensetzung flexibler. Bei Kindern und Jugendlichen wird der BMI anhand alters- und geschlechtsspezifischer Perzentilen eingeordnet. Nach den in Deutschland verwendeten Grenzwerten gilt:
Kinder mit Adipositas sollen möglichst anhand eines multimodalen Programms behandelt werden. Dieses besteht aus den Komponenten Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Laut der S3-Leitlinie zur Therapie und Prävention von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen aus dem Jahr 2019 sollte der Zugang zu einem kombinierten interdisziplinären Therapieprogramm jedem Kind oder Jugendlichen (5 bis 17 Jahre) mit Adipositas und jedem Kind oder Jugendlichen mit Übergewicht, bei dem eine bedeutsame Komorbidität oder eine familiäre Risikokonstellation vorliegt, ermöglicht werden. In Ausnahmefällen empfiehlt die Leitlinie bei Heranwachsenden mit extremer Adipositas auch einen chirurgischen Eingriff, beispielsweise in Form eines Magenbandes oder Schlauchmagens.
Im Mai 2026 haben die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sowie die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) ihre S3-Leitlinie vorzeitig aktualisiert. »Seit der letzten Leitlinienversion hat sich die Evidenz zur medikamentösen Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter grundlegend weiterentwickelt«, erklärt der Leitlinienkoordinator Professor Dr. Martin Wabitsch vom Universitätsklinikum Ulm in einer Pressemitteilung.
Mehrere hochwertige Studien zeigen inzwischen, dass GLP-1-Rezeptoragonisten bei jungen Menschen mit Adipositas klinisch relevante Effekte auf Gewicht und Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erzielen. Da diese Medikamente inzwischen auch für Jugendliche zugelassen sind, wäre ein Warten Wabitsch zufolge fachlich nicht vertretbar.
Die neuen Empfehlungen in der Konsultationsfassung besagen, dass
Da die medikamentöse Gewichtsregulation aufgrund des sogenannten »Lifestyle-Paragraphen« derzeit noch von der Regelversorgung ausgeschlossen ist und Anträge auf Kostenübernahme häufig abgelehnt werden, bekommen Kinder und Jugendliche hierzulande allerdings noch selten GLP-1-Rezeptoragonisten. Die komplette Aktualisierung der Leitlinie ist für 2027 vorgesehen.
Wenngleich mit den genannten Maßnahmen wichtige Schritte im Hinblick auf Behandlung und Erkennung von Übergewicht und Adipositas erfolgt sind, gibt es in Sachen Prävention noch viel zu tun. Bereits seit mehr als zehn Jahren existieren Forderungen der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), der viele Fachgesellschaften und Stiftungen aus dem Bereich Medizin und Ernährung angehören. Diese lauten:
Die Forderungen zielen darauf ab, äußere Bedingungen anzupassen, die Familien nicht allein verändern können. Fachleute versuchen so, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Auch Apotheken können Familien im Alltag unterstützen: Sie können Fragen zu Ernährung und Bewegung aufgreifen, auf passende Beratungsangebote hinweisen und bei Sorgen um die Gewichtsentwicklung eine Abklärung in der Kinderarztpraxis empfehlen. Sobald die neue U10 angeboten wird, ist auch sie ein Anlass, Eltern auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen.