PTA-Forum online Avoxa
instagram facebook

Nebenwirkungen
-
Arzneimittel als Lustkiller

Die Erkrankung ist gut eingestellt, doch das Liebesleben bleibt auf der Strecke? PTA Forum gibt einen Überblick, welche Medikamente sexuelle Störungen auslösen können und welche Rolle der Nocebo-Effekt in der Beratung spielt.
AutorKontaktBarbara Döring
Datum 11.05.2026  08:00 Uhr

Der Blutdruck ist endlich gut eingestellt, die depressive Symptomatik hat sich gebessert, doch mit dem Liebesleben will es seitdem nicht mehr so recht klappen. Von verschiedenen Arzneimittelgruppen ist bekannt, dass sie sexuelle Funktionsstörungen wie eine erektile Dysfunktion (ED), verminderte Libido oder ein nicht oder nur verzögert erreichten Orgasmus verursachen können, andere stehen zumindest in Verdacht. Die Gefahr besteht, dass betroffene Patienten ihre Medikation ohne ärztliche Rücksprache absetzen oder die Nebenwirkung hinnehmen, weil sie nicht darüber sprechen wollen. Ein gestörtes Sexualleben kann jedoch für das psychische Wohlbefinden und die Paarbeziehung belastend sein, und es ist wichtig, entsprechende Nebenwirkungen ernst zu nehmen, auch um mögliche zugrunde liegende Erkrankungen zu erkennen.

Antidepressiva

Bis zu 80 Prozent der Patienten, die Antidepressiva einnehmen, berichten über Lustlosigkeit oder Orgasmus-störungen. Ob die Probleme tatsächlich eine Nebenwirkung der Medikation oder auf die Grunderkrankung zurückzuführen sind, lässt sich oft nur schwer beantworten. Bekannt ist, dass serotonerg wirkende Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI) eine erektile Dysfunktion bedingen können. SSRI, SSNRI und trizyklische Antidepressiva (TZA) beeinträchtigen zudem unter Umständen die Libido und die Orgasmusfähigkeit.

Andere Antidepressiva, wie Serotonin-Modulatoren, die den 5-HT2-Rezeptor blockieren, verzögern zudem die Ejakulation. Wird der D2-Rezeptor blockiert, kann die Libido abnehmen. Auch eine Alpha-2-Blockade wirkt sich mitunter auf den Orgasmus aus. Eine antidepressive Therapie kann jedoch auch im Gegenteil zu einem verbesserten sexuellen Erleben beitragen, wenn Patienten mithilfe der Medikation wieder zu mehr Lebensfreude finden. Das Gleiche gilt für Benzodiazepine, die in höherer Dosierung die Lust mindern und Orgasmusstörungen hervorrufen können, niedriger dosiert jedoch angstlösend wirken und mitunter die sexuelle Funktion verbessern.

Antipsychotika

Libido- und Orgasmusstörungen sind auch unter einer antipsychotischen Therapie bei Schizophrenie zu beobachten. Die Nebenwirkungen lassen sich auf Veränderungen des Neurotransmitterhaushalts zurückführen. Durch die Blockade von Dopaminrezeptoren entsteht mitunter ein erhöhter Prolaktinspiegel im Blut, der bei beiden Geschlechtern die Funktion der Gonaden unterdrücken kann. In der Folge sinken Erregbarkeit, Orgasmusfähigkeit und sexuelles Verlangen.

Frauen entwickeln mitunter eine sekundäre Amenorrhö, die Funktion der Eierstöcke kann gestört sein. Ebenso ist in manchen Fällen die Befeuchtung der Vaginalschleimhaut beeinträchtigt. Bei Männern kann es zu einem Mangel an Testosteron kommen. Vor der Verordnung eines Antipsychotikums und während der Therapie den Prolaktinspiegel zu messen, gibt dem Arzt Hinweis darauf, ob eine sexuelle Störung auf die Medikation zurückzuführen ist. Bei Antipsychotika der zweiten Generation treten diese Nebenwirkungen in geringerem Maß auf. Bei Scheidentrockenheit helfen Vaginalcremes und -gele, den Feuchtigkeitsmangel auszugleichen.

Antihypertensiva

Immer wieder gibt es Berichte, dass Bluthochdruck-Medikamente eine erektile Dysfunktion (ED) verursachen können. Vor allem Betablocker und Diuretika stehen unter Verdacht, aber auch für ACE Hemmer, Calciumantagonisten und AT1-Blocker gibt es Hinweise. Neuen Erkenntnissen zufolge scheinen zumindest die meisten Antihypertensiva die männliche Potenz nicht zu gefährden. Diuretika und Alpha-2-Rezeptoragonisten wird ein höheres Risiko zugeschrieben. ACE-Hemmer und AT1-Blocker gelten als weitgehend neutral. ACE-Hemmer könnten für die Erektionsfunktion sogar förderlich sein.

Auch eine Analyse der HOPE-3-Studie, die den Nutzen der Kombination aus dem AT1-Blocker Candesartan und dem Diuretikum Hydrochlorothiazid zur Senkung von kardiovaskulären Ereignissen bei mehr als 12.000 Menschen untersuchte, gelangte zu dieser Erkenntnis. Die Ergebnisse bestätigen die Erfahrung der Mediziner, dass eine Blutdrucksenkung durch Antihypertensiva im Allgemeinen keine Potenzprobleme auslöst, so Professor Dr. Peter Trenkwalder, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga (DHL) in einer Pressemeldung der DHL.

Vielmehr weisen viele Patienten mit Bluthochdruck weitere Risikofaktoren wie erhöhte Cholesterinwerte, gestörten Blutzucker-Stoffwechsel, Übergewicht und/oder Rauchen auf, die zu einer ED beitragen.

Nach Angaben des Zentrums für Erektionsstörungen in Aarau, Schweiz, machen medikamentöse Erektionsstörungen etwa 15 Prozent aller Fälle aus. Die Nebenwirkungen auf Penis und Schwellkörper unterscheiden sich zudem in den Arzneigruppen von Wirkstoff zu Wirkstoff. So scheint der Betablocker Bisoprolol bei erektiler Dysfunktion (ED) weniger geeignet zu sein, unter Nebivolol wurden sogar positive Effekte beobachtet.

Offenbar spielt auch die Erwartung der Patienten eine Rolle, ob sie Probleme beim Sex mit ihrer Medikation in Verbindung bringen. So zeigte eine verblindete Studie, dass jene Patienten, die über Nebenwirkungen wie eine ED informiert waren, häufiger nach der Einnahme von Betablockern über entsprechende Nebenwirkungen berichteten, selbst wenn sie ausschließlich ein Placebo erhielten. Die Beschwerden könnten also allein durch die negative Erwartungshaltung entstanden sein – die Rede ist vom Nocebo-Effekt.

Die Studienlage zu Auswirkungen von Betablockern auf die Erektionsfähigkeit ist uneinheitlich. Heute werden zudem vorwiegend neuere, selektive Betablocker verschrieben, die im Hinblick auf die Erektionsfähigkeit eher neutral sind oder möglicherweise sogar einen positiven Effekt haben. Herzpatienten mit einer ED sollten die Symptome beim Urologen ansprechen. Wenn bei bestehender ED die Einnahme von Betablockern notwendig ist, könnten selektive Betablocker der neueren Generation wie Nebivolol gegenüber nicht selektiven Betablockern bevorzugt werden, erläutert der Kardiologe Privatdozent Dr. Bernhard Haring vom Universitätsklinikum des Saarlandes auf der Website www.herzmedizin.de.

Anti-Baby-Pille

Seit vielen Jahren wird diskutiert, ob die Anti-Baby-Pille die Libido der Frau vermindern könnte. Studienergebnisse zum Einfluss der hormonellen Kontrazeption (KOK) auf die Sexualität sind uneinheitlich. Ein Review, für das 36 Studien ausgewertet wurden, ergab: 22 Prozent der KOK-Anwenderinnen berichteten über eine Zunahme der Libido, 64 Prozent empfanden keine Änderung, 15 Prozent gaben eine Abnahme ihrer Libido an.

In der S3-Leitlinie zur hormonellen Empfängnisverhütung wird darauf hingewiesen, dass das erlebte Liebesleben von sehr vielen Faktoren abhängt wie Partnerschaft, Alter oder Kinderwunsch. Die Beurteilung der eigenen Libido sei zudem immer subjektiv. So könnte das Gefühl einer befreiten Sexualität durch sichere Verhütungsmittel die Libido auch positiv beeinflussen. Die Leitlinie hält fest, dass KOK unter anderem die Libido im Sinne einer Zu- oder Abnahme beeinflussen können, die meisten Frauen jedoch keine Änderungen verspüren.

Weitere Wirkstoffe

Antiepileptika sind eine weitere Medikamentengruppe, die sich auf die Sexualität auswirken kann; unter Gabapentin und Topiramat etwa sind Orgasmusschwierigkeiten und verminderte Libido möglich. Eine Therapie mit 5-Alpha-Reduktasehemmern wie Finasterid oder Dutasterid zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie oder bei Haarausfall kann eine ED zur Folge haben, die mitunter auch nach Absetzen der Medikation länger anhält. Die Rede ist dann vom Post-Finasterid-Syndrom (PFS).

Berichten Kunden in der Apotheke von entsprechenden Nebenwirkungen oder machen sie unklare Andeutungen, sollten PTA in jedem Fall zu einem ärztlichen Gespräch raten, auch weil Grunderkrankungen die Ursache sein könnten. Würden Nebenwirkungen auf die Sexualität beim Kunden direkt angesprochen, könnte das unter Umständen zum Nocebo-Effekt beitragen. Allgemein nach Nebenwirkungen zu fragen, hilft dem Kunden dagegen, zu sexuellen Problemen ins Gespräch zu kommen. In vielen Fällen lässt sich die Medikation ärztlich umstellen oder die Dosierung anpassen, um sowohl ein befriedigendes Therapieergebnis als auch ein erfüllendes Liebesleben zu ermöglichen.

TEILEN
Datenschutz
Mehr von Avoxa