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Arzneimittel kindgerecht dosieren

Die Spritze pikst, die Tablette lässt sich nicht schlucken und der Arzneistoff ist nur für Erwachsene zugelassen: Für die Arzneimitteltherapie bei Kindern genügt es nicht, die Dosis von der für Erwachsene herunterzurechnen und ein bisschen Fruchtaroma hinzuzufügen. Wie kann die Therapie für kleine Patienten einfacher und sicherer werden?
AutorKontaktElke Wolf
Datum 10.09.2021  16:00 Uhr

Arznei im Miniaturformat

Technologen setzen jedenfalls auf orodispersible Arzneiformen, weil sie in der Mundhöhle schnell zerfallen und dabei entweder den Wirkstoff selbst oder partikuläre Wirkstoffträger freisetzen. Der Vorteil liegt in der einfachen Handhabung, kein zusätzliches Wasser wird benötigt. Der Nachteil liegt in der Feuchtigkeitsempfindlichkeit des Produkts und – wie Kircher weiß – in der schlechten Beladungskapazität. Diese Technologie kommt mit den Fluoretten® schon länger zur Kariesprophylaxe für Kinder zum Einsatz. Auch klassische Schmelztabletten, sogenannte Lyophilisate, eignen sich im Grunde gut für Kinder. Dass es so wenige Präparate in dieser Formulierung speziell für Kinder gibt (zum Beispiel Nurofen® Schmelztabletten Lemon gegen Schmerzen oder Aerius® Schmelztabletten bei Allergie), mag daran liegen, dass sie relativ teuer in der Herstellung sind.

Die Akzeptanz von sogenannten Minitabletten, die Kircher »modifizierte Globuli« nennt, scheint bei den kleinen Patienten noch besser zu sein. Minitabletten mit einem Durchmesser von 2 Millimetern (siehe Abbildung) und schnell auflösende Pellets gehören zu den technologischen Neuentwicklungen, die bei Kindern gut appliziert werden können. In Studien etwa an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf wurden die kleinen Tabletten bei kleinen Patienten mit Erfolg getestet: Mehr als drei Viertel der vier- und fünfjährigen Kinder konnten in einer Untersuchung Minitabletten ohne Probleme schlucken. Auch in weiteren Studien punkteten die Minitabletten bei Akzeptanz und Compliance: Besonders Säuglinge schluckten sie sogar besser als einen Saft oder Sirup. Die PUMA-Zulassung Melatonin Slenyto® enthält Mikrotabletten mit 1-mg- oder -5-mg-Dosierung und verzögerter Freisetzung. Ein weiteres Beispiel sind Orfiril® long Retard-Minitabletten.

Auch Alkindi®, eine der neueren PUMA-Zulassungen, ist eine orale, sofort freisetzende pädiatrische Formulierung von Hydrocortison-Granulat, die eine altersgerechte Dosierung bei Kindern ermöglicht. Die Hartkapsel, in die das Granulat eingebracht ist, darf nicht geschluckt werden. Durch leichtes Zusammendrücken des Kapselunterteils und Abdrehen des oberen Teils kann die Arzneiform geöffnet werden. Das Granulat geben Eltern dann direkt auf die Zunge oder mit einem Löffel in den Mund. Im Anschluss sollten die kleinen Patienten Wasser, Milch, Muttermilch oder Flaschennahrung trinken. Auch die Einarbeitung in Brei ist möglich. Dass der Gemeinsame Bundesausschuss die kindgerechte Dosierung und die Darreichungsform nicht als Zusatznutzen anerkannt hat, wird nach wie vor kritisch diskutiert.

Bei dem zuletzt zugelassenen PUMA-Arzneimittel ist Vigabatrin (Kigabeq®) in leicht zerfallbare Tabletten eingearbeitet worden, die dann als Lösung entweder oral oder via nasogastraler Sonde appliziert werden. Die Galenik erinnert an das Prinzip der nicht mehr im Handel befindlichen Infectoroxit® Kindertabletten. Dabei hatte man Roxithromycin in geschmacksneutrale Pellets innerhalb einer Tablette verpackt. Die Tablette löste sich mit etwas Wasser auf einem Löffel zu einer Suspension auf. Die kleindimensionierten überzogenen Pellets blieben erhalten und damit der maskierte unangenehme Geschmack des Antibiotikums.

Auch Clarosip® bot 2006 einen raffinierten technologischen Ansatz. In Clarosip® waren mit einem Polymerfilm überzogene, geschmacksneutrale Clarithromycin-Mikropellets in einem Strohhalm-ähnlichen Applikationssystem enthalten. Der Strohhalm konnte in jedes beliebige Kaltgetränk gestellt werden, beim Ansaugen wurden die Pellets dispergiert und in der Regel mit dem ersten Schluck unbemerkt aufgenommen. Der große Nachteil: Die Präparate waren teurer als andere Antibiotika für Kinder, fielen aber trotz ihrer innovativen Galenik unter die Festbetragsregelung. Die Eltern mussten für solche technologisch ausgefeilten Arzneimittel zuzahlen. Die Bereitschaft dazu war gering, beide Präparate verschwanden wieder vom Markt.

 

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