Die Kosten müssen in der Regel die Familien tragen. Denn: Abnehmmittel gelten in Deutschland als Lifestyle-Arzneimittel und sind daher keine Leistung der Krankenkasse. Derzeit müssten Familien mit Kosten von rund 200 Euro pro Monat rechnen, sagt Weihrauch-Blüher, Professorin bei der Universitätsmedizin Halle.
Anders ist es bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Für sie wird die Behandlung mit Semaglutid unter dem Produktnamen Ozempic von den Krankenkassen übernommen. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft empfiehlt eine Kostenübernahme für Jugendliche mit extremer Adipositas, wenn bisherige Therapien nicht geholfen haben und eine weitere Gewichtszunahme zu erwarten ist.
Das ist bisher offen. Von Erwachsenen ist bekannt, dass es nach dem Absetzen des Medikaments oft zu einer erneuten Gewichtszunahme kommt.
»Idealerweise sollten diese Kinder in Studien eingeschlossen und auch langzeitbetreut werden, um mögliche Risiken, die wir heute vielleicht noch gar nicht so genau kennen, identifizieren zu können«, sagt Frank Jochum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau.
Adipositas ist als chronische Erkrankung anerkannt, wird jedoch von Laien oft als Willensschwäche verharmlost. Sie entsteht multifaktoriell aus genetischen, psychosozialen, familiären und Umweltfaktoren. Die genauen Zusammenhänge bei einer Erkrankung im Kindesalter sind nicht geklärt. Eine Rolle spielt laut Weihrauch-Blüher zum Beispiel, welche Geschmacksvorlieben im ersten Lebensjahr geprägt werden, also etwa, ob ein Baby süße Getränke und Breis erhält. Auch hormonelle Regelkreise, die Hunger und Sättigung steuern, können bei Menschen mit Übergewicht und Adipositas anders funktionieren. So habe eine Familie laut Rückmeldung an die Ärztin erst durch die Abnehmspritze festgestellt, ›dass man auch ein Leben ohne permanenten Hunger haben kann‹.
In den regelmäßigen U-Untersuchungen beim Kinderarzt werden Übergewicht und Adipositas erkannt und mögliche Therapiemaßnahmen besprochen. Mediziner sehen auch die Politik am Zug. Die geplante Zuckersteuer sei an der Lobby der Lebensmittelindustrie gescheitert, kritisiert Jakob Maske vom Vorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ). Auch wenn die Eltern sich bemühen, macht das Umfeld Kindern oft schwer, sich gesund zu ernähren. Kalorienreiche Snacks und zuckerhaltige Getränke sind an vielen Orten rund um die Uhr verfügbar, etwa auch in oder im direkten Umfeld von Schulen.
»Es gibt kein flächendeckendes Programm, um Kinder, bei denen Übergewicht oder Adipositas diagnostiziert wurde, in eine vernünftige Behandlungsstruktur zu bringen«, kritisiert Jochum. Mit mehr Geld zur Prävention und Therapie von Adipositas im Kindesalter könnten enorme Folgekosten verhindert werden.