Bald gibt es Semaglutid in der Indikation zur Gewichtsregulation bei Adipositas und Übergewicht auch in Tablettenform. Bisher gab es Wegovy® nur als Fertigpen zur wöchentlichen subkutanen Injektion. / © Getty Images/Remains
Wie auch die »Abnehmspritze« mit Semaglutid wird die Tablette – zusammen mit einer Ernährungsumstellung und Bewegung – für Personen mit Adipositas indiziert sein sowie bei Personen mit Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Diabetes, Bluthochdruck, zu hohem Cholesterin, Schlafapnoe oder einer kardiovaskulären Erkrankung. Während die Spritze schon ab zwölf Jahren zugelassen ist, dürfen die Tabletten nur bei Erwachsenen zum Einsatz kommen. Eine Tablette enthält 25 mg des GLP-1-Analogons Semaglutid. Das Inkretin-Mimetikum fördert wie Glucagon-like-peptide-1 bei hohen Blutzuckerspiegeln die Insulinsekretion und senkt die Glucagonsekretion. Darüber hinaus verlangsamt es die Magenentleerung und reduziert den Appetit.
Die Tablette wird einmal täglich mit nur wenig Wasser (maximal 120 ml) auf leeren Magen eingenommen werden. Das bedeutet mindestens acht Stunden Fastenphase vor der Einnahme. Danach sollten die Patienten 30 Minuten warten, bevor sie etwas essen, trinken oder andere Medikamente einnehmen.
Sicherheit und Wirksamkeit der Arzneiform wurden in einer Phase-III-Studie mit 307 Patientinnen und Patienten getestet. Die Einnahme erfolgte über 64 Wochen. Die Teilnehmenden verloren unter den Semaglutid-Tabletten im Schnitt 13,61 Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts gegenüber einem Minus von 2,18 Prozent in der Placebogruppe, schreibt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) in ihrer Zulassungsempfehlung. Etwa drei von vier Patienten (76,3 Prozent) erreichten den Endpunkt, mindestens 5 Prozent ihres Ausgangskörpergewichts zu verlieren, gegenüber 30,5 Prozent unter Placebo. Zum Vergleich: Das liegt etwas unter den Werten, die die Teilnehmenden der Wegovy-Injektionsstudien erreichten. Novo Nordisk selbst spricht von durchschnittlich 16,6 Prozent Gewichtsverlust bei adhärenten Patienten.
Die häufigsten Nebenwirkungen waren gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen, Dyspepsie und Erbrechen. Sie traten vor allem zu Therapiebeginn auf. Das Sicherheitsprofil war vergleichbar mit dem der wöchentlichen subkutanen Injektionen.
Bereits seit einigen Jahren auf dem Markt ist Rybelsus® – das Tablettenanalogon zur Ozempic®-Spritze. Diese beiden Semaglutid-Präparate sind nur bei Typ-2-Diabetes zugelassen und niedriger dosiert (Rybelsus ist in den Stärken 3, 4 und 7 mg erhältlich).
Damit der Körper oral verabreichtes Semaglutid aufnehmen kann, enthalten die Tabletten (Rybelsus und Wegovy) den Hilfsstoff und Resorptionsvermittler Salcaprozat-Natrium (SNAC, Natrium-N-[8-(2-Hydroxybenzoyl)amino]caprylat). Auf welche Weise SNAC das Peptid ins Blut bugsiert, ist jedoch nicht vollständig geklärt.
Beim diesjährigen Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming erklärte Dr. Anne Seidlitz, Professorin für Pharmazeutische Technologie an der Freien Universität Berlin, mögliche Mechanismen. Sie zitierte eine Publikation, die 2021 im Fachjournal »Acta Pharmaceutica Sinica B« erschienen ist (DOI: 10.1016/j.apsb.2021.04.001). Demnach erfolgt die Resorption transzellulär: Dazu geht SNAC mit Semaglutid eine nicht kovalente Bindung ein. Der Komplex wird dann von Epithelzellen aufgenommen und in das Blut abgegeben. Dort wird SNAC wieder abgespalten und Semaglutid freigesetzt.
In der Publikation werden jedoch auch Studienergebnisse erwähnt, wonach die SNAC-vermittelte Resorption möglicherweise durch eine kurzzeitige Öffnung der Tight Junctions zwischen den Epithelzellen, also parazellulär, vonstattengeht. Doch selbt eine kurzfristige Auflösung der Tight Junctions könnte auch anderen Molekülen einen weitgehend unkontrollierten Weg in den Organismus eröffnen, bemerkte Seidlitz, was sehr bedenklich wäre. Mit der Erklärung, dass die Resorption transzellulär erfolgt, fühle sie sich daher deutlich wohler.
Bemerkenswert sei bei den oralen Semaglutid-Formulierungen auch der Resorptionsort: »Laut Herstellerangaben wird es im Magen resorbiert. Das ist sehr ungewöhnlich, denn im Magen wird normalerweise nichts resorbiert.«