Psychische Gesundheit in Deutschland unter Druck: RKI-Daten zeigen mehr Ängste, depressive Symptome und Belastungen seit der Pandemie. Besonders betroffen sind junge Erwachsene und junge Frauen. / © Getty Images/MementoJpeg
Viele Deutsche haben Angst vor Geldnöten, Migration und Krieg. Doch bedeuten mehr Krisen auch mehr psychische Belastung? Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bejahen das. Seit dem Jahr 2020 zeigten sich beim seelischen Wohlbefinden in Deutschland Negativ-Trends. Ein Hotspot aktuell: junge Frauen.
»Meine Antwort ist ja«, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. »Es gibt diese Abfolgen von Krisen. Erst die Pandemie, dann der Angriffskrieg auf die Ukraine mit all seinen auch wirtschaftlichen Folgen. Das wird in Deutschland auch als gesamtgesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen.«
Eine stärkere psychische Belastung der Bundesbürger belegen repräsentative Umfragen des Robert-Koch-Instituts (RKI). »Wir sehen tatsächlich seit 2020 einen ansteigenden Trend, etwa eine Zunahme von depressiven Symptomen und Angstsymptomen in der Bevölkerung«, berichtet Caroline Cohrdes, kommissarische Leiterin des Fachgebiets Psychische Gesundheit am RKI. »Insgesamt kann man sagen, dass sich die psychische Gesundheit in Deutschland verschlechtert hat.«
Der Anteil von depressiven Symptomen bei den Erwachsenen in der Bevölkerung liegt in der Befragung für 2024 bei rund 22 Prozent. Diese Angaben spiegeln sich im vergleichbaren Zeitraum in hausärztlichen oder psychotherapeutischen Praxen: Diagnosen depressiver Störungen im ambulanten Bereich lagen 2023 bei etwa 17 Prozent, sagt Cohrdes. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in anderen RKI-Daten zur psychischen Gesundheit.
28 Prozent der befragten Erwachsenen schätzten ihr psychisches Wohlbefinden 2024 als eher schlecht ein. Nur rund 11 Prozent fühlten sich eher gut. »Das ist ein überraschend niedriges Ergebnis«, erläutert die Forscherin. »Seit den Pandemiejahren sehen wir in verschiedenen Bereichen der psychischen Gesundheit auffällig steigende negative Tendenzen.« Daten für 2025 sind bislang nicht abschließend ausgewertet.
Psychische Belastung kann sich sehr unterschiedlich äußern – und auch in ganz verschiedenen Lebensbereichen. »Bei einer depressiven Symptomatik können das unter anderem Niedergeschlagenheit sein, der Verlust von Interessen und Freude, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme«, beschreibt es Cohrdes.
»Bei Angstsymptomen sind Kernanzeichen, dass man Sorgen nicht so leicht stoppen kann.« Dieses chronische Grübeln könne zusammen mit häufig auftretender Nervosität und Anspannung unter anderem dazu führen, dass sich alltägliche Dinge schwerer erledigen ließen.
»Besonders hoch sind depressive Symptome und Angstsymptome in Deutschland aktuell bei jüngeren Erwachsenen«, berichtet die RKI-Expertin. »Das ist ein Befund, den wir ernst nehmen müssen.« Frauen seien häufiger betroffen als Männer. »Besonders hohe Werte sehen wir aktuell bei jungen Frauen.«
Für das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ergänzt Psychiater Meyer-Lindenberg: »In der Praxis sehen wir einen sehr großen Anstieg bestimmter psychischer Störungen bei jungen Menschen – am deutlichsten bei Essstörungen.«
Generell zeigen sich depressive Symptome nach RKI-Erkenntnissen häufiger bei Menschen, die keinen höheren Bildungsgrad erreichen konnten. Das gilt auch für Personen mit einem niedrigen Einkommen.
Psychische Erkrankungen seien inzwischen die Hauptursache für Frühberentungen, sagt Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. »Sie sind auch ein Hauptgrund dafür, warum Menschen krankgeschrieben sind, häufig sehr lang. Das verursacht einen massiven wirtschaftlichen Schaden.«
Leidet auch der gesellschaftliche Zusammenhalt? So zugespitzt lässt sich das aus der internationalen Forschung bislang nicht belegen. Eine zunehmende psychische Belastung kann aber sozialen Zusammenhalt etwa in Familien oder der Nachbarschaft schwächen, weil sie sozialen Rückzug und Konflikte begünstigt. Studien zeigen jedoch zugleich, dass soziale Verbundenheit und Unterstützung psychische Belastungen abfedern können.
Für Andreas Meyer-Lindenberg gehört dazu vor allem die Stärkung der Gesundheitskompetenz. »Die Deutschen wissen insgesamt wenig über Erkrankungen und wie man sie verhindern kann«, sagt er. Leider wüssten sie ganz besonders wenig über die Psyche. Wissensbasierte Präventionsangebote wie psychologische Erste-Hilfe-Kurse für Laien hält er deshalb für sehr sinnvoll. »Und dazu Schulstunden über die bessere Regulation von negativen Emotionen.«
Besonders für Jugendliche und junge Erwachsene wäre es wichtig, dass sie sich besser mit der psychischen Gesundheit auskennen und passende Hilfsangebote leicht finden und nutzen können, sagt auch RKI-Forscherin Cohrdes. »Es ist auch eine Frage der Medienkompetenz«, ergänzt sie. »Gerade in sozialen Medien ist es nicht immer einfach zu entscheiden, ob eine Information verlässlich ist.«
Äußere Belastungen werden als Ursache oft überschätzt. Depressionen sind eine eigenständige Erkrankung und in hohem Maße Folge einer vererbten oder erworbenen Veranlagung. »Menschen mit dieser Veranlagung erkranken auch bei guten äußeren Umständen«, sagt Psychiater Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Eine »Depressions-Epidemie« durch eine Polykrise schließt Hegerl deshalb aus.
Auch andere psychische Erkrankungen seien mehr als eine Reaktion auf äußere Belastungen wie Krisenzeiten, erläutert er. Ängste und Sorgen seien immer ein Teil der Symptomatik von Depressionen und Angsterkrankungen. »Viren oder Kriege sind dann aber nicht die Ursachen dafür. Sie könnten aber wie ein Trigger von der Erkrankung aufgegriffen werden.«
Dass Finanzsorgen direkt zu psychischen Erkrankungen führen, hält Hegerl für unwahrscheinlich. »Das entspricht weder meiner klinischen Erfahrung noch liegen dafür ausreichend Belege vor.«
»Wir rechnen in Deutschland in jedem Jahr mit rund 30 Prozent der Bevölkerung, die eine behandlungsbedürftige diagnostizierbare psychische Erkrankung haben«, sagt Andreas Meyer-Lindenberg. »Das ist wirklich sehr viel. Und eine Häufigkeit, die viele Leute sich nicht so klarmachen.«
Lange Zeit hätten Forschende gedacht, psychische Erkrankungen seien zwar sehr häufig, die Fallzahl nehme aber nicht zu. »Jetzt legen Daten aus einer internationalen Studie eine Zunahme nahe, insbesondere bei der jüngeren Bevölkerung.«
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