| Isabel Weinert |
| 02.10.2026 08:00 Uhr |
Eine Psychose verändert den Blick auf und die Interpretation der Welt. Betroffene leiden massiv. / © Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu
Was ist eine Psychose?
Eine Psychose verändert kolossal das Denken des betroffenen Menschen, seine Wahrnehmung und sein Verhalten. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch »völlig durchdreht« oder »total verrückt« wird. Vielmehr kann es sein, dass Angehörige sich mit ihm völlig normal zu allen möglichen Themen austauschen können – nur nicht zu dem Thema, zu dem er im Falle einer schizophrenen Psychose eine wahnhafte Vorstellung entwickelt hat. Darüber hinaus existieren bipolare Psychosen. Hier entwickeln die Menschen während einer extremen manischen oder depressiven Phase zusätzlich psychotische Symptome.
Dem von einer Psychose betroffenen Menschen stellen sich die Umgebung, die Dinge, die darin geschehen, und die eigenen Schlüsse daraus vollkommen anders dar als gesunden Menschen. Sie sehen und lesen aus völlig normalen Vorkommnissen zum Beispiel, dass sie verfolgt, gescannt, durchleuchtet oder abgehört werden. Sie hören mitunter Stimmen, die ihnen etwas befehlen oder sie zu etwas anleiten. Erkrankte Menschen sind felsenfest davon überzeugt, dass die Wirklichkeit, die die Krankheit in ihrem Gehirn konstruiert, Realität ist. Deshalb fehlt ihnen während der akuten Erkrankung auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion, und sie sperren sich den rationalen Argumenten von Angehörigen.
Wie entsteht eine Psychose?
Zunächst unterscheiden Mediziner primäre Psychosen von sekundären. Letztere sind Folge einer körperlichen Erkrankung, etwa einer Gehirnentzündung, oder Folge von Substanzmissbrauch. Primäre Psychosen entwickeln sich auf biologischer Ebene vor allem durch eine veränderte Signalübertragung von Nervenzellen und ein Ungleichgewicht von Neurotransmittern. Wissenschaftler gehen von einer mesolimbischen Hyperaktivität aus, das heißt, dass im mesolimbischen System zu viel Dopamin ausgeschüttet oder verarbeitet wird. Das bleibt nicht ohne Folgen. Erkrankte Menschen messen dadurch völlig alltäglichen Begebenheiten eine abnorme Bedeutung bei. Das nennt sich auch »Aberrant Salience«. Es gibt Hinweise darauf, dass die Überaktivität von Dopamin durch eine Fehlfunktion von NMDA-, also Glutamat-Rezeptoren, angestoßen wird, weil die Balance zwischen dem dämpfenden Botenstoff GABA und dem erregenden Glutamat durcheinandergerät. Das Gehirn kann dann sensorische Reize nicht mehr gut filtern.
Hinzu kommt oft noch ein Dopaminmangel im präfrontalen Kortex, eine sogenannte mesokortikale Hypoaktivität. Daraus ergeben sich kognitive Schwierigkeiten und sozialer Rückzug. Auch der Thalamus spielt eine wichtige Rolle. Seine Filterfunktion bricht zusammen, und die Masse an Informationen überfordert das Gehirn.
Ist die Neigung zur Psychose erblich?
Das wird immer leichthin kommuniziert. Doch so einfach ist es nicht. Gab es im Stammbaum einer Familie nie einen solcherart erkrankten Menschen und plötzlich entwickelt ein Familienmitglied eine schizophrene Psychose, dann existieren mehrere Möglichkeiten. Damit eine Psychose entsteht, müssen Hunderte oder Tausende winziger Genvarianten vorhanden sein. Jeder Mensch trägt ein paar dieser Varianten, erkrankt aber deshalb nicht. Es bedarf schon eines biologischen Zufalls bei der Zeugung einer Kombination, durch die sehr viele Varianten zusammenkommen, damit das genetische Risiko für eine Psychose stark steigt.
Die zweite Möglichkeit: Es handelt sich um eine spontane Genmutation, eine sogenannte De-novo-Mutation. Davon sprechen Wissenschaftler, wenn sich während der Entwicklung der Ei- oder Samenzelle oder direkt nach der Befruchtung spontan eine Mutation ereignet. Dann trägt der davon betroffene Mensch eine Genvariante, die weder seine Eltern noch sonst ein Mensch in seiner Familie hat.
Anders, wenn es bereits Erkrankungen in der Familie gab. Dann handelt es sich nicht um einen sporadischen Fall, sondern um ein familiäres Geschehen. Das Erkrankungsrisiko für Geschwister und Nachkommen liegt bei den familiären Fällen deutlich höher als bei den sporadisch auftretenden.
Bei den sporadischen Fällen wiegen überdies Umweltfaktoren wie ein Sauerstoffmangel unter der Geburt, schwerer Stress oder ein früher Cannabiskonsum schwerer. Geschwister und Nachkommen tragen gegenüber der Allgemeinbevölkerung nur ein moderat erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken. Bei den familiären Fällen hingegen scheint eine hohe Dichte an Risikogenvarianten vererbt zu werden. Das bedingt ein deutlich erhöhtes Risiko für Geschwister und Nachkommen, ebenfalls zu erkranken.
Was bedeutet die Krankheit für Betroffene und Angehörige?
Erkrankt ein Mensch an einer schizophrenen Psychose, dann zerbricht sein bisheriges Leben, ebenso oft das seiner Familie. Der Mensch selbst erlebt unter Umständen Todesangst, er trifft irrationale Entscheidungen, verliert nicht selten Arbeit und sein soziales Netz. Für seine Familie ist das Geschehen traumatisch, die Möglichkeiten, die Situation zu beeinflussen, sind gering, wenn sich der Betroffene nicht psychiatrisch behandeln lassen will. Denn in Deutschland kann man keinen Menschen dazu zwingen beziehungsweise nur, wenn er sich selbst und/oder andere Menschen massiv gefährdet. Doch ab wann gilt das? Die Hürden, auf diese Weise eine Zwangseinweisung zu erwirken, liegen extrem hoch. Das kann Familien in die Verzweiflung und Betroffene in den seelischen und finanziellen Ruin treiben.
Wie bekommt man Betroffene dazu, sich behandeln zu lassen?
Menschen mit einer akuten Psychose verweigern in der Regel eine Therapie, denn sie sind ja felsenfest von ihrer eigenen Realität überzeugt. Diese krankheitsbedingt fehlende Einsicht nennen Mediziner »Anosognosie«. An erster Stelle steht, noch vorhandenes Vertrauen zu nutzen und an das akute Leid des Betroffenen zu knüpfen. Das heißt auch: Selbst wenn der eigene Verstand klar und deutlich kommunizieren will, dass und warum der erkrankte Mensch mit seiner Wahrnehmung völlig falsch liegt – man muss es sich verkneifen. Schlimmstenfalls argwöhnt der Kranke dann noch, der Angehörige sei Teil des gegen ihn gerichteten Bösen.
Um das Vertrauen nicht zu erschüttern, sollten Angehörige das Leid des kranken Menschen ansprechen und sagen, dass sie ihm helfen möchten, damit er es loswird, also seine Angst und Erschöpfung oder auch Schlaflosigkeit zum Beispiel. Sie können diese Symptome auch zum Anlass nehmen, einen Arztbesuch vorzuschlagen, damit der Arzt etwas gegen die Angst oder die Schlaflosigkeit tun kann. Hat der Angehörige einen Hausarzt, dem er seit Jahren vertraut, kann man versuchen, ihn dorthin zu bewegen, aber nicht wegen der psychotischen Symptome, sondern wegen zum Beispiel Erschöpfung oder Schlaflosigkeit.
Angehörige können sich auch an sozialpsychiatrische Dienste (SpDi) oder psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) vor Ort wenden, um Hilfe zu bekommen.
Muss man vor Menschen mit einer Psychose Angst haben?
Über 90 Prozent der Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer schizophrenen Psychose erkranken, werden niemals gewalttätig. Das hartnäckige Vorurteil, vor Menschen mit dieser Krankheit müsse man Vorsicht walten lassen, ist also schlicht falsch. In wenigen Fällen kann es vorkommen, dass sich Menschen mit schizophrener Psychose derart bedroht fühlen, dass sie meinen, sich wehren oder schützen zu müssen oder in einer Mission unterwegs zu sein.
Deutlich wahrscheinlicher ist, dass Menschen mit einer Psychose sich selbst in Gefahr bringen, etwa indem sie meinen, flüchten zu müssen, und sich damit massiv selbst schaden oder leider auch, indem sie den einzigen Ausweg in einem Suizid sehen. Dann müssen Angehörige den Notruf (112) wählen oder auch einen psychiatrischen Notdienst. Für die Kommunikation mit dem Kranken gilt immer, auch in diesen Fällen, zumindest nach außen hin so ruhig wie möglich zu bleiben.
Wie sieht die leitliniengerechte Therapie einer Psychose aus?
Die S-3-Leitlinie Schizophrenie stützt sich auf einen multimodalen Ansatz, bei dem Medikamente mit speziellen Formen der Psychotherapie und psychosozialer Hilfe verbunden werden. Ziel ist, den akuten Schub zu durchbrechen und dann aber auch in der »gesunden« Phase mittels Psychotherapie den Umgang mit Symptomen und die Lebensqualität zu verbessern. Damit Betroffene mit schubweiser Erkrankung lernen, psychotische Gedanken beim nächsten Mal früh zu erkennen, sollte möglichst ein sogenanntes metakognitives Training etabliert werden. Hier geht es darum, Denkprozesse und Fehlinterpretationen zu hinterfragen. Neue Schübe sollen möglichst verhindert werden. Das macht in chronischen Fällen die Langzeitgabe von Antipsychotika nötig.
Wie sind die Heilungschancen?
Bei ungefähr einem Drittel der Betroffenen bleibt es bei einer einmaligen schizophrenen Krankheitsphase, ein weiteres Drittel muss wellenförmig den Wechsel aus »normalen« und psychotischen Phasen erleben, und bei einem weiteren Drittel entwickelt sich die Psychose chronisch.
Was steigert die Chancen auf Heilung?
Wer sehr schnell therapiert wird, hat bessere Chancen. Sie liegen auch höher, wenn die Medikamente konsequent auch als Schutz vor einem Rezidiv eingenommen werden. Bessere Chancen haben auch Menschen, deren Psychose plötzlich und heftig ausgebrochen ist, verglichen mit jenen, bei denen sich die Krankheit ins Leben schleicht. Das soziale Netz ist darüber hinaus ein wesentlicher Faktor, der vor schweren chronischen Verläufen schützen kann. Einen nächsten Schub früh erkennen, dann einen vorab erarbeiteten Krisenplan aktivieren, Stress eindämmen und Ruhe suchen – das kann helfen, nicht oder nicht tief in das nächste psychotische Tal abzugleiten.