| Isabel Weinert |
| 12.05.2026 12:00 Uhr |
Im jungen Erwachsenenalter den Lipoprotein(a)-Wert bestimmen zu lassen, hilft, rechtzeitig andere Herz-Kreislauf-Risiken zu minimieren. / © Adobe Stock/william87
Was ist Lp(a)?
Lipoprotein(a) besteht aus einem LDL-Partikel, verbunden mit dem Eiweiß Apolipoprotein(a), das schwanzartig am LDL hängt, ursprünglich aus der Leber stammt und sich im Blut mit LDL verbindet. In normaler Konzentration dient es dazu, Cholesterol im Blut zu transportieren. Außerdem scheint es die Wundheilung zu unterstützen.
Warum ist es in höheren Konzentrationen so schädlich?
Lp(a) transportiert viele Stoffe, die Entzündungen der Gefäßwände mit fördern. Daraus entwickeln sich vermehrt Plaques. Weil es auch an der Blutgerinnung beteiligt ist, sorgt es im Übermaß dafür, dass der Körper diese schlechter auflösen kann. Optimal liegt der Lp(a)-Wert unter 30 mg/dl (75 nmol/L). Von einem leicht erhöhten Wert sprechen Mediziner bei Werten über 30 mg/dl, deutlich erhöht gelten Werte ab 50 mg/dl (125 nmol/L).
Warum haben manche Menschen zu viel Lp(a) und andere nicht?
Mehr als 90 Prozent macht das LPA-Gen für die Höhe des eigenen Wertes von Lipoprotein a aus. Dabei ist die sogenannte Kringle-IV-2-Repeat-Variante von großer Bedeutung. Kleine Isoformen davon erhöhen die Produktion von Lp(a)-Partikeln, große Isoformen hingegen bringen normale Konzentrationen mit sich. Eben weil der Wert vor allem an der Genetik hängt, bleibt er lebenslang relativ stabil.
Ein wenig beeinflussen können ihn schwere Nierenerkrankungen, das Absacken der weiblichen Sexualhormone mit der Menopause und eine Unterfunktion der Schilddrüse. Diese Faktoren können ihn geringfügig erhöhen. Unter den Europäerinnen und Europäern tragen knapp ein Viertel genetisch bedingt zu hohe Lp(a)-Werte. Diese Menschen haben von Grund auf ein größeres Risiko für ein Herz-Kreislauf-Ereignis.
Sollte wirklich jeder Mensch seinen Lp(a)-Wert bestimmen lassen, wo geht es?
Internationale und nationale Fachgesellschaften empfehlen, dass jeder Mensch diesen Wert einmal im Leben bestimmen lassen sollte. Dazu zählen die European Society of Cardiology (ESC) und die European Atherosclerosis Society (EAS). Dieser Empfehlung schließen sich die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und die Deutsche Gesellschaft für Lipidologie (DGFL/Lipid-Liga) und die Deutsche Herzstiftung an. Die US-amerikanischen ACC/AHA-Leitlinien haben die Lp(a)-Messung jüngst ebenfalls als wichtige Maßnahme aufgenommen, um das Herz-Kreislauf-Risiko eines Menschen einzuordnen. Jeder Hausarzt und jede Hausärztin können diesen Wert über das Blut im Labor bestimmen lassen.
In welchem Alter lässt man den Wert am besten ermitteln?
Die Deutsche Herzstiftung nennt das frühe Erwachsenenalter als idealen Zeitpunkt, um das Lp(a) messen zu lassen. Dann ist es auch noch früh genug, alle anderen Risiken so zu senken, dass das erhöhte Lp(a) nicht auch noch zusätzlich darin unterstützt wird, Arteriosklerose voranzutreiben. Weil der Wert aber bereits im Alter von etwa fünf Jahren seinen Lebenszeitwert erreicht hat, kann er theoretisch auch bereits dann ermittelt werden.
Ganz besonders wichtig ist der Wert für Menschen mit Verwandten, die männlicherseits vor dem 55. Lebensjahr und weiblicherseits vor dem 65. Lebensjahr einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben. Auch, wer selbst schon betroffen war, sollte den Wert auf jeden Fall bestimmen lassen. Das gilt auch für Menschen mit hohen LDL-Werten sowie jene, die ohne bekannte Risikofaktoren Gefäßerkrankungen haben.
Wer trägt die Kosten für die Bestimmung von Lp(a)?
Die Bestimmung zählt nicht zum Check-up-35 oder einem anderen Vorsorgeprogramm. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dann, wenn der Arzt sie als medizinisch notwendig ansieht. Regelhaft ist das der Fall, wenn es bereits in jungen Jahren Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie gab, wenn ein Mensch schon in frühen Lebensjahren Arteriosklerose entwickelt sowie dann, wenn sich hohe LDL-Werte mit Statinen nicht gut senken lassen. Viele Menschen müssen die Messung als IGeL-Leistung selbst zahlen.
Was schließen Ärzte aus dem Ergebnis?
Was aus einem erhöhten Lp(a)-Wert folgt, hängt von der ganz individuellen Risikokonstellation des betroffenen Menschen ab und lässt sich nicht verallgemeinernd sagen. Bei einer jungen, ansonsten völlig risikofreien Frau wird man beobachtend abwarten, bei einem Menschen mit weiteren Risikofaktoren medikamentös versuchen, diese Risiken günstig zu beeinflussen.
Lässt sich Lp(a) mit Medikamenten senken?
Aktuell existieren noch keine, für eine Lp(a)-Senkung zugelassenen Medikamente. Es ist aber viel Bewegung in der Wissenschaft, weil man diesen Risikofaktor in den Griff bekommen will. Derzeit befindet sich Pelacarsen von Novartis/Ionis in Phase 3 (Lp(a)HORIZON). Das Antisense-Oligonukleotid (ASO) blockiert die Apolipoprotein(a)-Synthese in der Leber. Mit einer Injektion unter die Haut alle vier Wochen sinkt Lp(a) um bis zu 80 Prozent.
Olpasiran, eine siRNA, von Amgen schaltet das Gen für Lp(a) in der Leber stumm. Alle zwölf Wochen injiziert, reduzierte es das Lipoprotein (a) um 95 Prozent. Auch hier läuft eine Phase-3-Studie. Eine weitere siRNA heißt Lepodisiran von Eli Lilly. Sie reduziert, einmalig injiziert, Lp(a) um bis zu 94 Prozent, mit einer Wirkdauer von teilweise einem Jahr. Auch dieses Medikament befindet sich in Phase 3 (ACCLAIM-Lp(a)) . Bei Zerlasiran handelt es sich ebenfalls um eine siRNA mit einer Lp(a)-Senkung von über 80 Prozent.
Ebenfalls von Eli Lilly befindet sich die Substanz Muvalaplin in fortgeschrittenen Studien. Sie unterscheidet sich von den anderen Wirkstoffen darin, dass sie oral eingesetzt wird. Muvalaplin stört die Verbindung zwischen Apolipoprotein(a) und B, das behindert die Bildung von Lp(a).
Was kann ich tun, um meine Blutgefäße trotz erhöhtem Lp(a) möglichst gesund zu erhalten?
Wer einen hohen Wert hat, kann ihn mit gängigen Lebensstilmaßnahmen zwar nicht senken, aber auf diesem Weg alles dafür tun, dass die Blutgefäße nicht noch zusätzlichen schädlichen Belastungen ausgesetzt sind. An erster Stelle: nicht rauchen. Eine ausgewogene Ernährung, etwa nach dem Vorbild einer mediterranen Diät, schützt die Blutgefäße. Sie mögen es auch, wenn sich »ihr« Mensch regelmäßig sportlich bewegt, etwa zügig spazieren geht oder ähnliches. Warum? Weil Sport die Funktion der Gefäßinnenwände verbessert. Die Arterien können sich so besser dehnen und einen ungehinderten Blutfluss gewährleisten.
Wer sich körperlich fordert, erhöht außerdem sein Blutvolumen, neue Gefäße entstehen, die Muskeln und Gewebe zusätzlich mit Sauerstoff versorgen. Treibt ein Mensch regelmäßig Sport, senkt er auch LDL und erhöht HDL. Nicht zuletzt senkt Bewegung mittelfristig den Blutdruck. Stichwort Blutdruck: Hier werden Mediziner auf jeden Fall Medikamente einsetzen, um ihn möglichst in den Normbereich zu senken. Auch hohe Blutzuckerwerte müssen zwingend behandelt werden.
Neben Lebensstilmaßnahmen senkt man medikamentös andere Risikofaktoren wie das LDL-Cholesterol. Reichen dafür Statine nicht aus, kann zum Beispiel die Kombination mit Ezetimib die Wirkung verstärken. Sehr wirksam sind PCSK9-Inhibitoren wie Evolocumab und Alirocumab, um LDL deutlich zu verringern.
Menschen mit einem sehr hohen Risiko, das heißt, einem Lp(a)-Wert über 60 mg/dl, können sich einer Lipoproteinapherese unterziehen, einer speziellen Form der Blutwäsche. Das ziehen Ärzte dann in Betracht, wenn die Blutgefäße der Patienten bereits schwerwiegend erkrankt sind. Diese Blutwäsche muss einmal wöchentlich durchgeführt werden, weil der Lp(a)-Wert immer wieder ansteigt.