Bei der Lebergesundheit kommt es auch auf das Geschlecht an: Frauen leiden häufiger unter autoimmunen Lebererkrankungen, Männer dagegen entwickeln eher eine Fettleber. / © Adobe Stock/mi_viri
Lebererkrankungen stellen weltweit ein großes Gesundheitsproblem dar; in Deutschland sind nach Angaben des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten mehr als 5 Millionen Menschen akut oder chronisch betroffen.
Dass es bei der Beschaffenheit der Leber geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, sei erstmals in den 1960er Jahren entdeckt worden – allerdings nur bei Tierversuchen, berichtet Dr. Madlen Matz-Soja, Laborleiterin im Klinikbereich der Universität Leipzig und Hauptautorin einer Übersicht zum Thema im Fachjournal »Journal of Hepatology«. Der bei Labortieren festgestellte »sexuelle Dimorphismus« bezeichnet ganz allgemein klare Unterschiede in Gestalt, Größe, Farbe oder Verhalten zwischen Männchen und Weibchen derselben Art, die über die sekundären Geschlechtsorgane hinausgehen.
»Die Forschenden fanden heraus, dass sich auch der Stoffwechsel der Leber bei männlichen Mäusen erheblich von dem der weiblichen Mäuse unterschied«, sagt Matz-Soja im Gespräch mit PTA-Forum. Mittels moderner Methoden der Zellanalyse, zum Beispiel der Fluorescence-Activated Cell Sorting oder der RNA Sequenzierung und Proteomanalyse, lassen sich derlei Geschlechtsunterschiede heute auch beim Menschen nachweisen. So sei belegt, dass die weibliche Leber mehr Immunzellen besitzt als die männliche, berichtet Matz-Soja. »Dies ist mit verantwortlich dafür, dass es bei Frauen häufiger zu Autoimmunerkrankungen der Leber kommt. Männer entwickeln dagegen häufiger eine Leberfibrose und dann auch -zirrhose, bei der sich Bindegewebszellen krankhaft vermehren und Funktionszellen vernarben.«
Auch in Bezug auf Krebserkrankungen gibt es deutliche Unterschiede. Das hepatozelluläre Karzinom (HCC) etwa – der häufigste primäre bösartige Tumor der Leber – betreffe Männer dreimal so häufig wie Frauen, berichte Professor Dr. Thomas Berg, Leiter des Klinikbereichs an der Universität Leipzig und Coautor der Übersicht. »Hier ist das weibliche Sexualhormon Estrogen, das entzündungshemmend wirkt, für Frauen ein schützender Faktor.« Während Frauen signifikant häufiger gutartige Lebertumoren entwickeln, treten bei Männern öfter bösartige auf – auch wenn man Risikofaktoren wie Alkoholkonsum, der bei Männern im Durchschnitt stärker ausgeprägt ist, herausrechnet. Auch von der metabolischen Dysfunktion-assoziierten steatotische Lebererkrankung (MASLD) sind Männer häufiger betroffen als Frauen vor der Menopause. Nach der Menopause, wenn der Estrogenspiegel bei der Frau sinkt, glichen sich Frauen und Männer aber bei der Schwere ihrer Lebererkrankungen an, betont Berg.
Bei Autoimmunerkrankungen der Leber wiederum verhält es sich umgekehrt: Sie treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. An der primär biliären Cholangitis (PBC) etwa erkranken im Durchschnitt zehnmal mehr Frauen als Männer, an Autoimmunhepatitis viermal mehr. Im Fall von PBC haben epidemiologische Studien auch unterschiedliche Umweltrisikofaktoren zwischen den Geschlechtern gezeigt, so etwa, rezidivierende Harnwegsinfektionen, Rauchen und Estrogenmangel, die alle zu einer erhöhten Erkrankungsrate bei Frauen beitragen können.
Generell betont der Hepatologe: »Je mehr Stoffwechselfunktionen bei einer Krankheit involviert sind, desto größer ist der Einfluss des Geschlechts der Erkrankten.« Auch Alkohol – einer der größten Risikofaktoren – beeinflusst den Körper von Frauen anders als den von Männern. So haben Frauen im Allgemeinen eine etwas andere Körperzusammensetzung als Männer, wodurch der proportionale Alkoholspiegel im Blut höher ist. Zudem produzieren sie eine geringere Menge des für den Alkoholabbau wichtigen Enzyms Alkoholdehydrogenase (ADH). Frauen konsumieren zwar statistisch weniger Alkohol als Männer, aber dafür ist ihr Risiko höher, bei übermäßigem Alkoholkonsum an einer schnell fortschreitenden Leberfibrose oder an einer Zirrhose zu erkranken.
Laut einem Bericht der AOK konsumiert etwa jeder sechste erwachsene Mann und jede neunte erwachsene Frau in Deutschland wöchentlich eine riskante Menge an Alkohol. Mit der Zunahme des Alkoholkonsums von Frauen steige deren Anteil an der alkoholbedingten Zirrhose überproportional an. Darüber hinaus sind Frauen auch anfälliger für arzneimittelinduzierte Leberschäden und akutes Leberversagen. So verstoffwechseln sie beispielsweise Paracetamol langsamer als Männer, was zu einer höheren Konzentration des Wirkstoffs im Blut und höheren lebertoxischen Effekten führen kann. Ein weiterer geschlechtsspezifischer Unterschied liegt in der Aktivität des Enzyms CYP3A4, das für den Abbau einer Vielzahl von Medikamenten in Leber und Darm zuständig ist. Frauen weisen eine höhere Aktivität dieses Enzyms auf als Männer, sodass Medikamente, die durch CYP3A4 verstoffwechselt werden, bei Frauen schneller abgebaut werden – der Wirkststoffspiegel im Blut ist dann niedriger. Zu den Unterschieden tragen wahrscheinlich auch Estrogene bei.
Anders verhalte es sich bei Virostatika, erläutert Berg. »Sie zielen ja auf das Virus und damit auf einen externen Gegner, der bei Männern und Frauen derselbe ist – entsprechend wirken Virostatika bei beiden Geschlechtern gleich, beispielsweise gegen Hepatitis-C-Viren.« Auf Interferone dagegen, die als Gewebshormon immunstimulierend, antiviral und antitumoral und damit auf den Stoffwechsel wirken, sprechen Frauen vor der Menopause deutlich besser an als Männer. »Das führt dazu, dass es bei Frauen seltener zu einer Progression zu einer schweren Lebererkrankung kommt als bei Männern.« Besonders deutlich zeige sich dieses Phänomen in Südostasien, wo Hepatitis B endemisch ist und sich viele Kinder bereits bei der Geburt infizieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich daraus in späteren Jahren ein Leberkarzinom entwickle, sei bei Männern mehr als drei Mal so hoch wie bei Frauen, so Berg.