| Katja Egermeier |
| 27.05.2026 16:00 Uhr |
Obwohl die meisten genau wissen, dass etwa Fastfood für die Gesundheit auf Dauer nicht förderlich ist, greifen sie doch immer wieder zu Pommes, Burger & Co. / © Adobe Stock/Astarot
So viel vorab: An fehlender Willenskraft liegt es laut den Forschenden nicht. So erklärt die Studienautorin und Professorin Dr. Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie am Universitätklinikum Schleswig-Holstein: »Die Nichtbefolgung von Präventionsmaßnahmen darf nicht als Mangel an Willenskraft oder Wissen missverstanden werden, sondern ist das Ergebnis von Wechselwirkungen zwischen evolutionär und individuell entwickelten neuronalen Belohnungssystemen, erlernten Kontrollmechanismen und Umweltfaktoren, die genau in diese biologischen ›Schwachstellen‹ hineinwirken«.
Etwas wider besseren Wissens zu tun bezeichnet man in der Psychologie als »Intentions-Verhaltens-Lücke«. Diese lasse sich vor allem bei der Gesundheitsvorsorge häufig beobachten – und könnte ein Grund dafür sein, dass klassische Präventionskampagnen bislang oft nur begrenzt wirksam sind, sagt Berg, die auch Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist.
Bei der Ursachensuche wurden die Forschenden bei einem Blick auf die menschliche Evolution fündig: Der Körper sei in der Urzeit auf maximale Energieeffizienz ausgerichtet gewesen – mit dem Ziel, das Überleben in einer Umgebung mit knappen Ressourcen zu sichern. Heute lebten wir jedoch in einer vergleichsweise sicheren und gut versorgten Umwelt.
Dennoch wirkten diese Mechanismen bis heute fort: Sie animieren uns auf neurologischer Ebene über Wohlfühlhormone zu Verhaltensweisen wie etwa mehr zu essen, als sinnvoll ist, und gleichzeitig Kräfte zu sparen – selbst wenn dies unter heutigen Bedingungen nicht mehr immer sinnvoll ist.
Auch der sogenannte »innere Schweinehund« lasse sich so erklären: Dieser sei im Grunde ein Schutzmechanismus vor vermeintlichem Stress durch Belastung – etwa in Form von Muskelanspannung, hoher Atemfrequenz und hohem Puls.
Doch nicht alles lasse sich rein evolutionär erklären, heißt es in der Pressemitteilung der DGN weiter. Professorin Berg betont: »Wenn seit frühester Kindheit gutes Verhalten mit Süßigkeiten belohnt wird, formen sich sehr stabile Verbindungen im Gehirn, die immer rascher nach der süßen Belohnung suchen.« Auch Erziehung und Lernprozesse spielten daher eine wichtige Rolle.
Zudem zeigten die Forschenden am Beispiel von Schlaf und Stress, dass solche sogenannten »Feedback-Loops« ein Leben lang entstehen und sich verstärken können. Ein Beispiel: Gestresste Menschen bleiben häufig länger wach, obwohl sie wissen, dass sie den Schlaf benötigen. Der Grund ist meist, sich noch etwas Freizeit zu verschaffen. Diese Zeit wird dann oft mit kurzfristig belohnenden Aktivitäten wie Essen oder Fernsehen gefüllt.
Das führt laut Berg in einen Teufelskreis: Der chronische Schlafmangel schwäche die Fähigkeit des Gehirns, die kurzfristigen Belohnungen zu kontrollieren. »Das heißt im Klartext: Nicht trotz, sondern wegen der Übermüdung agieren wir nicht mehr vernünftig.« So lande man bei der dritten Wiederholung eines mittelmäßigen Krimis anstatt sich einfach schlafen zu legen.
Um diese Muster zu verändern, sei vor allem eines wichtig: sie bewusst zu erkennen und gezielt zu nutzen. Am Beispiel Bewegung zeige sich das besonders deutlich. Da der Mensch sich von Natur aus nur ungern ohne konkreten Anlass bewegt, setzen erfolgreiche Bewegungs- und Motivationsprogramme auf unmittelbar spürbare Anreize, die positive Emotionen auslösen. Das können etwa Lob durch eine Fitnessuhr, Punkte auf einem Bonuskonto oder spielerische Ranglisten in gamifizierten Systemen sein, so Berg.
Denn neuronale Rückkopplungsschleifen können nicht nur ungesundes Verhalten festigen, sondern auch gesundes Verhalten antrainieren. »Nur wer weiß, dass bei ihm oder ihr neurobiologische Mechanismen das Verhalten steuern, kann sich dem erfolgreich widersetzen«, so die DGN-Präsidentin.
Über Appelle wie »Tu dies« und »Lass jenes« ließen sich Verhaltensänderungen nicht erreichen. Stattdessen sollten die Menschen über die beschriebenen neurologischen Mechanismen aufgeklärt werden. »Wir müssen vermitteln, warum es zu dieser Lebensstil-Dissonanz kommt und warum es so schwer ist, Änderungen umzusetzen.« So könne Gesundheitsprävention langfristig von Scham, Frust, Selbstvorwürfen und Stigmatisierung entlastet werden.
Daraus leitet die Expertin drei konkrete Empfehlungen ab: