| Caroline Wendt |
| 09.01.2026 16:00 Uhr |
Wer sich die täglichen Herausforderungen neurodivergenter Menschen anschaut, merkt schnell: Kein Gehirn funktioniert wie das andere. Genau das untersucht die Neurodiversitätsforschung – und immer mit Blick auf die Betroffenen, erklärt Professor Dr. André Zimpel, Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Universität Hamburg. »Neurodiversität bezeichnet die Vielfalt menschlicher Nervensysteme, unter denen es wie bei Schneeflocken niemals zwei sich völlig gleichende Exemplare gibt«, heißt es auf der Website seines Instituts.
Jedes Gehirn ist also einzigartig. Kein Wunder, erklärt Zimpel in einer Online-Vorlesung: Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen, jede davon mit 1.000 bis 10.000 Verbindungen zu anderen Neuronen. Zimpel veranschaulicht die Zahl bildhaft: Allein in einem Kubikmillimeter Gehirn befinden sich so viele Synapsen, wie Sterne in der Milchstraße. »Es gibt keine zwei Personen, deren Gehirne sich gleichen – und genau das ist die Grundlage für Neurodiversität«, betont der Psychologe und Erziehungswissenschaftler.
Sprach-, Bild- oder Musterdenker – beim Lernen tickt jeder anders. / © Adobe Stock/Maria Sbytova
In der Schulzeit werde Mathematik oft als Intelligenztest missbraucht, ohne dass berücksichtigt werde, dass Menschen auf unterschiedliche Weise denken, erklärt Zimpel. Das Schulsystem und die gesellschaftlichen Erwartungen seien stark auf sprachliches Denken ausgerichtet. Während Sprachdenker über innere Selbstgespräche zu einem Ergebnis kommen, denken viele Menschen eher in Bildern oder Mustern – bei Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), Menschen aus dem Autismus-Spektrum, mit ADHS oder Hochbegabung sei dieser Anteil besonders groß. »Das sollte uns zu denken geben«, so der Psychologe. In der Diversität dürfe man keine Lern- oder geistige Behinderung sehen, sondern Menschen, die einen anderen Zugang zur Welt haben.
»Intelligenz zeigt sich auf verschiedene Weise«, betont Zimpel, und es brauche viele unterschiedliche Lernwege. Entscheidend ist jedoch eine korrekte Selbsteinschätzung. »Wenn ich weiß, dass ich Sprach-, Bild- oder Musterdenker bin – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Neurodiversität –, dann ist mein Bildungserfolg viel wahrscheinlicher«, betont Zimpel.
Seine Argumentation untermauert er mit Ergebnissen aus der Bildungsforschung: Die Hattie-Studie gibt einen Überblick über Hunderte Meta-Analysen mit insgesamt mehreren Hundert Millionen Lernenden. Darauf aufbauend betont Zimpel, dass für den Bildungserfolg eine korrekte Selbsteinschätzung entscheidend ist – die reine Intelligenz steht dabei erst an zweiter Stelle.