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Neurodiversität & Neurodivergenz
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Wie unterschiedlich Gehirne ticken

Über Neurodiversität wird derzeit viel berichtet, besonders in den sozialen Medien. Der Begriff beschreibt die natürliche Vielfalt neurologischer Ausprägungen und macht deutlich, dass kein menschliches Gehirn dem anderen gleicht.
AutorKontaktCaroline Wendt
Datum 09.01.2026  16:00 Uhr

Aufmerksamkeitssysteme

Ein zentrales Merkmal der Neurodiversität ist die Aufmerksamkeit. Diese wird im Gehirn durch verschiedene Systeme gesteuert, so Zimpel.

  • Das erste System ist das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem in der Formatio reticularis. Es wird durch plötzliche, überraschende Reize aktiviert, etwa durch einen Knall oder eine unerwartete Bewegung. »Nur wenn dieses Aufwachsystem eine mittlere Erregung hat, können wir unsere Maximalleistung abrufen«, erklärte Zimpel. Es macht uns wach und sorgt dafür, dass wir konzentriert bleiben. Menschen mit ADHS benötigen in der Regel etwas stärkere Reize, um leistungsfähig zu sein. »Sie zappeln nicht, weil sie nervös sind, sondern weil sie müde werden«, so der Psychologe. Ihr Aufmerksamkeitssystem ist auf Reizsuche ausgelegt.

    Bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist es hingegen oft genau umgekehrt. Sie benötigen ein Stimming-Verhalten (self stimulatory behavior, selbststimulierendes Verhalten) – also sich wiederholende und häufig rhythmische Bewegungen oder Geräusche –, um sich bei Reizüberflutung zu beruhigen. »Sie können ihre Maximalleistung eher bei innerer Entspannung abrufen«, so Zimpel.

  • Das zweite System ist das orientierende Aufmerksamkeitssystem, das im Bereich der Schläfen, des Hinterkopfs und des Hippocampus liegt. Hier werden Reizen Bedeutungen zugeordnet. »Neurotypische Menschen erfassen in 250 Millisekunden etwa vier Reize«, so Zimpel. Alles andere wird weitgehend ausgeblendet. Dabei spielt es keine Rolle, ob Mann oder Frau: Multitasking ist in jedem Fall schwierig, erklärt Zimpel.

    Patienten aus dem ASS nehmen oft deutlich mehr Reize wahr – laut Zimpel sind es häufig sechs bis sieben. »Das macht schon einen riesigen Unterschied«, informiert der Experte. So hören sie zum Beispiel Nebengeräusche wie das Summen einer Neonröhre oder das Kratzen eines Stiftes auf Papier. Dieser erweiterte Aufmerksamkeitsumfang kann leicht zu einer Reizüberflutung führen.

    Zudem bündelt das menschliche Gehirn Informationen in sogenannte Chunks – also Einheiten. Beim Lesen werden so aus Buchstaben Wörter, die wiederum Teilsätze ergeben. Für Menschen mit ASS kann Abstraktion durch die Fülle an Details oft schwierig sein. Viele Autisten lernen erst spät sprechen, da ein Wort für sie nie exakt gleich klingt. Sie nehmen zu viele Einzelheiten wahr, erkennen dadurch schwer Gleichheiten und benötigen länger, um Muster zu erkennen. »Diese Kinder fangen manchmal erst im Alter von sechs oder sieben Jahren an, sehr altkluge Sätze zu formulieren, obwohl sie vorher kein Wort gesprochen haben«, berichtet Zimpel. Wichtig sei: Diese Menschen sind nicht intellektuell zurückgeblieben, sondern haben eine Aufmerksamkeitsbesonderheit. Wenn man diese berücksichtigt, seien große Erfolge möglich. So können viele Patienten im ASS Details und Fehler erkennen, die neurotypischen Menschen entgehen.

  • Das dritte System ist das exekutive Aufmerksamkeitssystem, das für die bewusste Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig ist und im präfrontalen Cortex verortet wird. Menschen mit ADHS haben in diesem Bereich häufig Schwierigkeiten, etwa beim Unterdrücken von Ablenkungen oder beim Aufrechterhalten der Konzentration bei monotonen Aufgaben.
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