| Isabel Weinert |
| 04.06.2026 12:00 Uhr |
Wenn eine dringend notwendige Therapie mit Medikamenten zu einer Gewichtszunahme führt, kommt zu der Erkrankung noch Frust. / © Adobe Stock/PhotoSG
PTA-Forum: Welche Medikamente führen als Nebenwirkung zu einer Gewichtszunahme und warum?
Riedl: Es gibt einige Arzneimittel und Medikamenten-Gruppen mit dieser Nebenwirkung. Besonders häufig nehmen Menschen an Gewicht zu, die Antipsychotika und Antidepressiva einnehmen. Diese Medikamente beeinflussen das Hunger- und Sättigungszentrum im Gehirn teilweise sehr stark. Gleichzeitig verändern sie den Zuckerstoffwechsel und fördern eine Insulinresistenz. Dadurch steigen Appetit, Fettspeicherung sowie langfristig auch das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Viele Betroffene berichten bereits kurz nach Therapiebeginn über ausgeprägte Heißhungerphasen, insbesondere auf kohlenhydratreiche Lebensmittel und Süßes. Hinzu kommt die beruhigende Wirkung einiger Präparate, was eine geringere körperliche Aktivität mit sich bringen kann. Viele Patienten essen unter der Therapie auch häufiger oder größere Portionen, oft ohne es bewusst wahrzunehmen. Durch die Summe dieser Faktoren nehmen sie schleichend, meist über mehrere Monate, oft deutlich an Gewicht zu.
Eine Therapie mit oralen Glucocorticoiden führt unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls dazu, dass die Menschen zunehmen, also etwa, wenn die Medikation länger durchgeführt werden muss. Das liegt daran, dass ein Glucocorticoid den Appetit steigern kann. Es verändert außerdem den Glucose- und Fettstoffwechsel. Die
Blutzuckerwerte steigen durch eine vermehrte Gluconeogenese in der Leber bei verminderter Insulinwirkung. Kompensatorisch steigt der Insulinspiegel an. Insulin fördert wiederum die Fettspeicherung im Fettgewebe und hemmt gleichzeitig die Lipolyse. Typisch ist eine Zunahme des Bauchumfangs bei gleichzeitigem Muskelverlust. Besonders bei längerer Einnahme steigt das Risiko für Übergewicht deutlich an. Die Gewichtszunahme geht sehr schnell. Wassereinlagerungen können bereits nach wenigen Tagen auftreten. Echte Fettablagerungen zeigen sich meist nach einigen Wochen kontinuierlicher Einnahme.
Betablocker wie Atenolol, Propranolol sowie Metoprolol können das Gewicht moderat steigern. Da sie meist dauerhaft eingenommen werden müssen, kann das von Relevanz sein. Die Gründe sind vielfältig. Betablocker senken die Herzfrequenz und dämpfen die Wirkung von Stresshormonen wie Adrenalin. Dadurch reduziert sich der Grundumsatz, also der tägliche Energieverbrauch leicht. Gleichzeitig berichten viele Patientinnen und Patienten über Müdigkeit und eine insgesamt geringere körperliche Belastbarkeit, was sich im Alltag häufig in einer reduzierten Aktivität bemerkbar macht. Diese Kombination aus niedrigerem Energieverbrauch und weniger Bewegung führt langfristig dazu, dass ein leichter Energieüberschuss entsteht und das Körpergewicht meist innerhalb der ersten Einnahmemonate steigt.
PTA-Forum: Wie sieht das mit Insulin aus, das sich alle Typ-1- und einige Typ-2-Diabetiker spritzen müssen?
Riedl: Insulin kann aus mehreren Gründen eine Gewichtszunahme begünstigen. Zum einen wirkt es stark anabol, indem es den Transport von Glucose in die Zellen fördert und gleichzeitig die Fettspeicherung unterstützt. Solange Insulin im Körper aktiv ist, wird die Fettverbrennung gehemmt und der Fettabbau somit reduziert. Schon kleinste Mengen reichen aus. Hinzu kommt, dass bei unbehandeltem Diabetes mellitus zuvor größere Mengen an Glucose ungenutzt über den Urin verloren gehen. Unter einer Insulintherapie steht diese Energie dem Körper wieder zur Verfügung, was zu einer positiven Energiebilanz beitragen kann. Die Glucosurie stoppt, gleichzeitig auch der begleitende Wasserverlust. Dadurch steigt das Gewicht stark an.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Prävention von Hypoglykämien: Um Unterzuckerungen zu vermeiden oder zu behandeln, nehmen viele Patientinnen und Patienten zusätzliche Zwischenmahlzeiten zu sich, was die Energiezufuhr weiter erhöhen kann. Insbesondere dann, wenn diese Zwischenmahlzeiten ungünstig zusammengesetzt sind, also beispielsweise reich an schnell verfügbaren Kohlenhydraten und Zucker, aber arm an Ballaststoffen und Eiweiß.
Eine Gewichtszunahme unter Insulintherapie kann besonders in den ersten Wochen bis Monaten auftreten, häufig innerhalb der ersten drei bis sechs Monate nach Therapiebeginn. Dabei handelt es sich in vielen Fällen nicht um eine unerwünschte »Nebenwirkung« im klassischen Sinne, sondern eher um einen begleitenden Effekt der Stoffwechselverbesserung.
PTA-Forum: Trifft die mögliche Gewichtszunahme durch die genannten Medikamentengruppen alle Menschen gleichermaßen oder gibt es solche, die von dieser Nebenwirkung stärker betroffen sind?
Riedl: Nicht alle sind im gleichen Ausmaß betroffen. Die Gewichtszunahme bei Glucocorticoiden beispielsweise ist individuell extrem unterschiedlich, auch bei Insulin. Manche nehmen kaum oder fast gar nicht zu, andere viele Kilos. Für diese Unterschiede ist der Ausgangsstatus entscheidend. Menschen mit bereits bestehender Neigung zu Übergewicht oder Insulinresistenz sind häufiger betroffen. Zum anderen spielen Lebensstilfaktoren hierbei eine wichtige Rolle. So können geringe körperliche Aktivität, chronischer Schlafmangel und anhaltender Stress die Neigung zur Gewichtszunahme zusätzlich verstärken. Ebenso spielt das individuelle Essverhalten eine wichtige Rolle, vor allem dann, wenn schon vorher emotional gegessen wurde oder häufig energiereiche, stark verarbeitete Lebensmittel verzehrt wurden.
PTA-Forum: Wie können betroffene Menschen ihre Ernährung umstellen/anpassen, um möglichst wenig zuzunehmen und wie gelingt es ihnen nach Ende der Therapie, wieder abzunehmen?
Riedl: Entscheidend ist, frühzeitig gegenzusteuern und nicht erst dann zu reagieren, wenn bereits mehrere Kilogramm Gewichtszunahme eingetreten sind. Je früher die Ernährung angepasst wird, desto besser lässt sich der Effekt der Medikamente auf das Gewicht abfangen. Empfehlenswert ist grundsätzlich eine mediterran orientierte, ballaststoffreiche Ernährung. Dazu gehören vor allem viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte sowie hochwertige Eiweißquellen und gesunde Fette in moderaten Mengen. Diese Ernährungsweise unterstützt sowohl die Sättigung als auch einen stabileren Blutzuckerverlauf.
Eiweiß spielt dabei eine besondere Rolle, da es lange sättigt, die Muskelmasse schützt und Heißhungerattacken reduzieren kann. Geeignete Lebensmittel sind zum Beispiel Naturjoghurt, Quark (als Basis für Dips statt fettreicher Soßen), Fisch, Eier, Tofu und Hülsenfrüchte.
Ungünstig wirken stark verarbeitete Lebensmittel, zuckerreiche Snacks, Softdrinks sowie häufiges »Nebenbei-Essen«. Weil die Medikamente zusätzlich den Appetit auf Süßes fördern, kann es hilfreich sein, solche Lebensmittel nicht dauerhaft verfügbar zu halten oder sich gesündere Alternativen wie zum Beispiel Rohkost oder selbst zubereitet Energy-Balls bereitzustellen.
Ebenso wichtig ist ein strukturierter Essalltag mit festen Mahlzeiten, ausreichend langen Essenspausen und bewusstem Essen ohne ständiges Snacking. Das hilft, das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl wieder besser wahrzunehmen.
Bewegung bleibt ein zentraler Baustein. Auch bei Krankheiten, die mit einer Bewegungseinschränkung einhergehen, gibt es immer Möglichkeiten, den Körper zu fordern. Das klappt auch im Sitzen oder Liegen. Anregungen können Physiotherapeuten geben, auch seriöse Angebote online zeigen mögliche Übungen, die den Körper fordern. Generell wirken der Aufbau oder Erhalt von Muskelmasse und regelmäßiges Ausdauertraining natürlich einer Gewichtszunahme entgegen.
PTA-Forum: Wenn Menschen die Therapie beenden können, schwindet dann auch das Plus an Gewicht wieder?
Riedl: Nach Therapieende normalisiert sich das Gewicht oft nur langsam. Der Körper hält zunächst am höheren Gewicht fest. Crash-Diäten sind deshalb keine gute Lösung. Sie führen meist nicht zum langfristigen Erfolg. Wichtig ist Geduld. Die Gewichtszunahme entwickelt sich über Monate. Genauso braucht auch die Gewichtsreduktion Zeit.
PTA-Forum: Antibiotika sind eine weitere Gruppe, von der man weiß, dass das Gewicht steigen kann. Was wissen Sie darüber?
Riedl: Es gibt Hinweise darauf, dass Antibiotika über Veränderungen des Darmmikrobioms indirekt mit dem Körpergewicht in Zusammenhang stehen können. Sie gehören zu den Faktoren, die die Zusammensetzung und Funktion der Darmbakterien deutlich beeinflussen und die mikrobielle Vielfalt verändern können. Das Mikrobiom wiederum steht in enger Verbindung mit Stoffwechselprozessen und der Energieverwertung im Körper. In Studien werden daher Zusammenhänge zwischen veränderten Mikrobiom-Strukturen und Stoffwechselerkrankungen beschrieben, die auch für die Entwicklung von Übergewicht relevant sein können.
Wichtig ist jedoch: Nach aktuellem Forschungsstand handelt es sich vor allem um Assoziationen. Eine klare kausale Beziehung beim Menschen ist bislang nicht abschließend bewiesen. Das bedeutet, wir sehen Zusammenhänge, aber keine einfache Ursache-Wirkung-Kette. Besonders in der frühen Lebensphase könnten solche Einflüsse eine größere Rolle spielen, da sich das Mikrobiom in dieser Zeit noch stark entwickelt. Insgesamt bleibt es aber ein komplexes Zusammenspiel aus Ernährung, Umwelt, Medikamenten und individueller Veranlagung.
PTA-Forum: Welche Rolle könnten Antibiotika für die Entwicklung des Körpergewichts spielen, wenn Kinder sie in größeren Mengen beziehungsweise über einen längeren Zeitraum in den ersten Lebensmonaten brauchen?
Riedl: Es gibt insbesondere aus großen Geburtskohorten Hinweise darauf, dass Antibiotika in den ersten Lebensmonaten über Veränderungen des Darmmikrobioms mit einem leicht erhöhten Risiko für späteres Übergewicht assoziiert sein können. Besonders in dieser frühen Entwicklungsphase scheint das Mikrobiom empfindlich auf äußere Einflüsse zu reagieren. Wichtig ist dabei jedoch, dass die beobachteten Zusammenhänge insgesamt eher moderat sind und aus Studien stammen, die keinen eindeutigen kausalen Zusammenhang belegen. Gleichzeitig handelt es sich um komplexe Entwicklungen, bei denen viele Faktoren eine Rolle spielen.
PTA-Forum: Wie lässt sich dem entgegenwirken?
Riedl: Bekannt ist, dass das Mikrobiom stark durch die Ernährung beeinflusst wird und sich insbesondere ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Kost positiv auf seine Zusammensetzung und Funktion auswirken kann. Diese Ernährungsweise unterstützt die natürliche Regeneration des Darmmikrobioms nach einer Antibiotikatherapie.
Wichtig ist dabei: Das Mikrobiom ist individuell und sehr anpassungsfähig. Nach heutigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass sich Veränderungen in den meisten Fällen wieder stabilisieren, insbesondere wenn der Lebensstil insgesamt günstig gestaltet wird.
PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.