| Verena Schmidt |
| 08.07.2026 16:00 Uhr |
Nicht nur der Wirkstoff an sich hat eine Wirkung: Positive Erwartungen können Beschwerden lindern, negative Erwartungen dagegen verstärken. / © Getty Images/MirageC
Die Salbe kann bei den Beschwerden der Kundin eigentlich gar nicht helfen – und doch berichtet sie in der Apotheke, wie sehr sich ihr Hautbild verbessert hat. So gut wie jede PTA hat vermutlich schon Erfahrungen mit dem Placebo-Effekt gemacht. Eine Behandlung kann pharmakologisch eigentlich überhaupt nicht wirksam sein, dennoch hat sie teils durchaus überzeugende Effekte.
Auch das Gegenstück, der Nocebo-Effekt, ist den meisten Apothekenmitarbeitern sicher schon begegnet: Negative Erwartungen oder Ängste können Symptome verstärken oder im Rahmen einer Behandlung auch Nebenwirkungen hervorrufen. Also: Kunden, die sich besonders vor den vielen möglichen Nebenwirkungen eines Medikamentes fürchten, werden auch welche erfahren.
Der Nocebo-Effekt kann sogar deutlich stärker sein und länger anhalten als entsprechende Placebo-Effekte, wie etwa eine Studie der Universität Duisburg-Essen aus dem vergangenen Jahr zeigt. In der Studie bewerteten die Teilnehmer Schmerzen bei einer negativen Erwartung auf einer Skala von 0 bis 100 um rund elf Punkte höher. Positive Erwartungen konnten die Schmerzintensität – eine kurzfristige Hitzeeinwirkung bei gesunden Probanden – nur um vier Punkte reduzierten. Der Nocebo-Effekt fiel damit etwa doppelt so stark aus.
»Menschen neigen offenbar dazu, eher mit dem Schlimmsten zu rechnen – und das spiegelt sich in der Schmerzverarbeitung wider«, erläutert Professorin Dr. Ulrike Bingel vom Universitätsklinikum Essen, in einer Pressemeldung der Universität. Im Alltag konzentriere man sich oft darauf, positive Erwartungen zu fördern. »Unsere Studie zeigt jedoch, dass es mindestens genauso wichtig ist, unbeabsichtigte negative Erwartungen zu vermeiden.« Angehörige von Gesundheitsberufen sollten sich laut Bingel bewusst sein, dass die Art und Weise, wie sie über Behandlungen informieren, die Reaktion der Patienten darauf stark beeinflussen kann.
Früher gingen Experten davon aus, dass eine Placebo-Behandlung nur funktioniert, wenn die Patienten getäuscht werden – der Patient muss also daran glauben, ein wirksames Medikament zu erhalten, obwohl das gar nicht der Fall ist. Die Annahme gilt inzwischen als überholt: So zeigt unter anderem eine große internationale Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr unter Federführung des Universitätsklinikums Freiburg, dass auch sogenannte Open-Label-Placebos bei unterschiedlichen Beschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung oder depressiven Symptomen durchaus wirksam sein können.
Die Wissenschaftler hatten Daten von mehr als 4600 Patienten aus 60 Studien ausgewertet und die Ergebnisse im Fachjournal »Scientific Reports«, veröffentlicht. Der positive Effekt war tendenziell größer, wenn die Patienten zuvor umfassend über die möglichen Wirkungen von Placebos informiert worden waren. Allerdings: Die Effekte waren deutlich vorhanden bei Beschwerden, die subjektiv eingeschätzt werden. Bei objektiv messbaren Parametern wie etwa Blutwerten, Schlafdaten oder Lungenfunktion habe sich in den ausgewerteten Studien bislang kein signifikanter Effekt gezeigt, so die Autoren.
Warum der Placebo-Effekt auch offen wirkt, ist noch nicht ganz verstanden. Wahrscheinlich spielt auch hier die Erwartungshaltung der Patienten eine Rolle: Sie wurden beispielsweise im Rahmen der Studie informiert, dass Placebos nachweislich positive Wirkungen erzielen können und das erzeugt bereits eine positive Erwartung an die Therapie. Diese beeinflusst dann die Wahrnehmung von Symptomen. Unstrittig ist auch, dass eine Behandlung an sich, also Gespräche in der Arztpraxis und der Apotheke, die damit verbundene Aufmerksamkeit und auch etwa die regelmäßige Einnahme einer Tablette, bereits eine therapeutische Wirkung hat.
Eine häufig gestellte Frage von Kunden ist, warum Placebos auch bei Tieren wirken – diese können ja höchstwahrscheinlich keine positive Erwartungshaltung an eine Behandlung haben. Studien legen nahe, dass bei Tieren Lerneffekte und Konditionierung eine Rolle spielen. Sie haben in der Vergangenheit etwa erfahren, dass die Gabe eines Medikaments mit einer Besserung verbunden ist – das löst dann auch bei Gabe eines Scheinmedikaments physiologische Reaktionen aus.
Auch die verstärkte Zuwendung durch die Besitzer wirkt beruhigend und kann Schmerzen und Stress lindern. Dazu kommt nicht zuletzt der sogenannte Placebo-by-proxy-Effekt: Die Beschwerden des Tieres verändern sich gar nicht, sondern die Wahrnehmung des Tierhalters. Dieser hat den Wunsch, dass es dem Tier besser geht – und bewertet Verhalten und Aktivität des Tieres nach einer Therapie häufig positiver, obwohl sich objektiv nichts geändert hat.
Für Angehörige von Gesundheitsberufen stellt sich die Frage, wie sie diese Erkenntnisse in ihrer täglichen Arbeit nutzen können, natürlich ohne die Patienten absichtlich zu täuschen oder falsche Dinge wiederzugeben. Vielmehr geht es darum, positive Erwartungen zu wecken und zu fördern sowie das Vertrauen in die Therapie zu stärken.
Eine Studie der University of New South Wales in Sydney aus dem Jahr 2024 etwa zeigt, dass eine zugewandte empathische Kommunikation den Placebo-Effekt verstärken und gleichzeitig Nocebo-Effekte abschwächen kann. Im Studiensetting erhielten gesunde Probanden für drei Tage eine vermeintliche Behandlung mit Oxytocin-Nasenspray, tatsächlich jedoch ein Placebo, plus entweder eine herzliche Interaktion, eine mit wenig Zugewandtheit oder gar keine. Alle Teilnehmer wurden darüber informiert, dass die Oxytocin-Behandlung das psychische Wohlbefinden steigern könne, jedoch mit mehreren möglichen Nebenwirkungen verbunden sei.
Die Teilnehmer der Gruppe, die eine wenig einfühlsame Interaktion erhielt, meldeten im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen vermehrt Nebenwirkungen. Dagegen sei bei denjenigen, die eine besonders empathische Interaktion erhielten, das psychische Wohlbefinden erhöht gewesen, berichten die Autoren der Studie, die im Fachjournal »Applied Psychology: Health and Well-Being« erschienen ist. Auch wenn sich die Studienautoren hier mit der Beziehung von Arzt und Patient befassten: Diese und ähnliche Erkenntnisse sind auch für die Beratung in der Apotheke hilfreich. Eine verständliche, empathische Beratung und realistische positive Erwartungen unterstützen den Therapieerfolg, eventuell unbedacht formulierte Warnungen können dagegen das Gegenteil bewirken.