»Im Frühling werden die Tage schnell länger«, sagt Blume. »Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss.« Doch in den Daten spielte die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge änderte, keine Rolle für die Müdigkeit der Teilnehmenden. »Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen.«
Doch woher stammt der Glaube an Frühjahrsmüdigkeit dann? Ein Verdacht: Alleine die Verbreitung dieses Mythos könnte Menschen für eine solche Wahrnehmung empfänglicher machen – gerade weil der Begriff so etabliert ist. Psychologen sprechen von einem Labeling-Effekt: Wein schmeckt Menschen etwa dann besser, wenn ihnen gesagt wird, dass er besonders teuer war.
»Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun«, erläutert die Forscherin. »Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ›Symptome‹.« Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt – also der Bestätigung einer negativen Erwartung. Ähnlich wie beim Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartung die Wahrnehmung prägt.
Eine weitere psychologische Erklärung wäre die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Demnach steigt am Ende der dunklen kalten Jahreszeit der Anspruch, steigende Temperaturen und besseres Wetter ausnutzen zu wollen – für Joggen, Ausflüge, Verabredungen. Wenn dann der dafür nötige Energieschub ausbleibt, bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine beruhigende Erklärung – insbesondere wenn sie von anderen Menschen im Umfeld bestätigt wird.
Wenn der Begriff Frühjahrsmüdigkeit ausschlaggebend für das Phänomen ist, dürfte es außerhalb des deutschsprachigen Raums kaum bekannt sein. Blume bestätigt das: »Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die.«