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Hypothalamische Adipositas
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Keine Lifestyle-Frage

Ständig hungrig und nach dem Essen nicht satt: Das sind Anzeichen einer hypothalamischen Adipositas, die eine spezifische Behandlung erfordert. Zentrale Steuerungsmechanismen im Gehirn sind gestört.
AutorKontaktJuliane Brüggen
Datum 15.07.2026  12:00 Uhr

Der Hypothalamus ist eine wichtige Schaltstelle im Gehirn, die verschiedene Stoffwechselsignale verarbeitet und unter anderem Hunger und Sättigung steuert. Dabei spielen Botenstoffe wie Inkretine, Insulin, Ghrelin und Leptin eine Rolle. Wird der Hypothalamus geschädigt, zum Beispiel durch Tumore, Schädel-Hirn-Traumata, operative Eingriffe oder entzündliche Prozesse, wirkt sich das mitunter auf das Körpergewicht aus – in Form einer raschen, teils massiven Gewichtszunahme. Betroffene verspüren ein deutlich gesteigertes Verlangen nach Essen (Craving), aber keine oder eine verminderte Sättigung. Man spricht von Hyperphagie. 

Schätzungsweise sei in etwa 50 Prozent der Fälle bei hypothalamischer Schädigung mit einer gestörten Regulation der Nahrungsaufnahme zu rechnen, berichtete Privatdozent Dr. Ulrich Dischinger, Oberarzt der Endokrinologie und Diabetologie am Uniklinikum Würzburg, im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Die Pathophysiologie liege in der zentralen Steuerung. Es sei daher falsch, die Patienten auf eine Lifestyle-Problematik zu reduzieren, wie bei Adipositas oft der Fall. »Die hypothalamische Adipositas zeigt eindrücklich, dass Körpergewicht nicht primär eine Frage von Willenskraft oder Lebensstil ist, sondern stark von zentralnervösen Regelkreisen abhängt.« Er gehe von einer Dunkelziffer nicht erkannter Erkrankungen aus. 

Auf zeitliche Zusammenhänge achten

Zentral für die Diagnose ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Gehirnschädigung, Gewichtszunahme und Hyperphagie. Auch bestimmte Verhaltensmuster wiesen auf die Funktionsstörung hin, so der Experte. Als Alarmsignal bezeichnete er etwa nächtliche Schlafunterbrechungen, um zu essen – denn: »Der Schlaf ist normalerweise nicht durch den Hunger gestört.«

Zu bedenken sei, dass die Adipositas oft nur ein Teil eines komplexen hypothalamischen Syndroms ist, sagte Dischinger, denn der Hypothalamus hat viele Aufgaben, zum Beispiel: »Er reguliert unsere Körpertemperatur, er reguliert Aspekte unserer Psyche, er reguliert auch Angstverhalten in gewissem Umfang mit.« Neben der Gewichtszunahme könnten daher weitere Folgen der Schädigung auffallen, etwa eine deutlich erniedrigte Körpertemperatur. 

»Die hypothalamische Adipositas zeigt eindrücklich, dass Körpergewicht nicht primär eine Frage von Willenskraft oder Lebensstil ist.« 
Privatdozent Dr. Ulrich Dischinger, Oberarzt der Endokrinologie und Diabetologie am Uniklinikum Würzburg

Die Therapie stellt sich mitunter schwierig dar. Diätetische oder verhaltensbasierte Maßnahmen seien nur begrenzt wirksam, so Dischinger, ebenso wie die medikamentöse Therapie mit Metformin oder Dextroamphetamin. GLP-1-Analoga wie Semaglutid können hingegen eine Option sein – Betroffene sprächen jedoch unterschiedlich gut darauf an, da die Wirkung teilweise von einer funktionierenden Hunger- und Sättigungssteuerung abhängt. Für den Erfolg einer bariatrischen Operation sei ebenfalls eine intakte Hypothalamusfunktion relevant, ergänzte der Experte. 

Eine zugelassene Therapieoption

Unabhängig davon wirkt Setmelanotid (Imcivree®) – seit kurzem auch bei hypothalamischer Adipositas zugelassen. Der Arzneistoff ist Agonist an Melanocortin-4-Rezeptoren (MC4R), die im Gehirn an der Regulierung von Hunger- und Sättigungsgefühl sowie Energieumsatz beteiligt sind. Dadurch wird unter anderem das Hungergefühl reduziert. »Es wirkt so, dass es den Hypothalamus als intaktes Organ nicht unbedingt braucht«, erklärte der Experte, wies aber zugleich auf die noch schwache Datenlage in der Indikation hin. 

»Die Behandlung der hypothalamischen Adipositas erfordert ein multimodales Vorgehen«, schloss Dischinger, sie müsse etwa endokrinologische, ernährungsmedizinische und – bei einer zugrunde liegenden Tumorerkrankung – auch neuroonkologische Aspekte umfassen. Er empfahl Betroffenen, sich an ein Behandlungszentrum zu wenden, in dem interdisziplinäre Expertise vorhanden ist.

Er machte auf ein weiteres Problem aufmerksam: Die medikamentösen Therapien werden in der Regel nicht durch die GKV erstattet, da Adipositas als Lifestyle-Problem betrachtet wird. »Darunter leiden die Patientinnen und Patienten«, so der Experte.

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