| Barbara Döring |
| 03.06.2026 16:00 Uhr |
Bei leichten Herz-Kreislauf-Beschwerden können Phytopharmaka hilfreich sein, wenn eine ernste Erkrankung ausgeschlossen wurde. / © Getty Images/Maria Rafaela Schulze-Vorberg
Im Bereich Herz und Kreislauf können pflanzliche Präparate präventiv wirksam sein oder leichte Beschwerden lindern. Phytopharmaka sollten jedoch immer nur für jene Indikationen eingesetzt werden, die für die jeweiligen Präparate ausgewiesen sind. Zu groß ist sonst die Gefahr, dass eine erforderliche ärztliche Diagnose und Therapie versäumt wird. Bei so manchen leichten Beschwerden lässt sich jedoch das Bedürfnis der Kunden nach Heilmitteln aus der Natur erfüllen.
Weißdorn (Crataegus) besticht im Frühjahr mit seinen üppigen, weißen Blüten, an denen sich Wildbienen, Falter und Hummeln gütlich tun. In der traditionellen Medizin wird das Rosengewächs seit Generationen als stärkendes Mittel für Herz und Kreislauf verwendet. Schon die Römer sollen Blüten, Blätter und Früchte des Weißdornstrauchs als Schutzpflanze genutzt haben.
Die Wirkung seiner Inhaltsstoffe wie Flavonoide und oligomere Procyanidine (OPC) auf Herz und Blutgefäße wurde intensiv untersucht. So gibt es experimentelle Hinweise, dass Weißdornextrakt aus Blättern und Blüten (Crataegi folium cum flore) die Kontraktionskraft des Herzens steigert, antiarrhythmisch wirkt und die Herzmuskelzellen positiv beeinflusst. Zudem zeigte sich eine schützende Funktion auf die Koronargefäße, eine verbesserte Funktion des Endothels und eine verbesserte Durchblutung der Herzkranzgefäße.
Da in den roten Beeren weniger Wirkstoff enthalten ist, werden für die Herstellung von Arzneimitteln vorwiegend getrocknete Blüten und Blätter genutzt. Diese kommen laut HMPC, dem Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), zur Linderung vorübergehender nervöser Herzbeschwerden wie Herzklopfen bei Erwachsenen ab 12 Jahren zum Einsatz. Vor der Anwendung sollte ärztlich ausgeschlossen werden, dass den Beschwerden eine schwere Erkrankung zugrunde liegt. Darüber hinaus kann Crataegus bei nervlicher Belastung mit milden Stresssymptomen und zur Schlafunterstützung angewendet werden. Die Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden, wenn sie länger als zwei Wochen anhalten oder sich verschlimmern.
Die Anwendungsgebiete der HMPC-Monographie basieren auf traditionellen Anwendungen in Frankreich und Spanien. In Deutschland dürfen Crataegus-Präparate zudem die Indikation »zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion« tragen.
Bei Herzinsuffizienz Stadium II (nach NYHA – New York Heart Association) soll Crataegus nicht mehr zur Anwendung kommen. Zu dieser Empfehlung kam der HMPC im Jahr 2016 nach einer Neubewertung der Heilpflanze. Demnach sei die Wirksamkeit weder in der Monotherapie noch als Add-on-Anwendung zur etablierten Therapie der Herzinsuffizienz belegt. Auch wenn mit der Einnahme nach dem aktuellen Kenntnisstand kein besonderes stoffliches Risiko verbunden ist, bestehe das Risiko einer Fehlbehandlung.