Wie schätzt Jakob Emrich die Wirksamkeit von Cannabinoiden in der Schmerztherapie ein? Schließlich hat der Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken vor allem in der Schmerztherapie zuletzt deutlich zugenommen. »Es gibt immer mehr Studien, die eine kurzfristige Schmerzlinderung bei Menschen mit Fibromyalgie dokumentieren. Die Daten zeigen aber auch, dass Cannabinoide wie alle anderen Therapiebausteine nur bei einem Teil der Patienten Effekte erzielen. Trotz dieser begrenzten Beweislage sehe ich in medizinischem Cannabis für die Praxis eine sichere Alternative für die medikamentöse FMS-Therapie.«

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Pharmakologisch ist zwischen Cannabis als Pflanzenprodukt mit komplexer Zusammensetzung und isolierten beziehungsweise synthetischen Cannabinoiden zu unterscheiden. Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt primär als partieller Agonist am CB1-Rezeptor und ist für die psychoaktiven Effekte verantwortlich, während Cannabidiol (CBD) keine akute Intoxikation verursacht und über indirekte Modulation des Endocannabinoidsystems sowie serotonerger und TRPV1-Signalwege wirkt. Diese Differenzierung ist klinisch relevant, da sich Wirksamkeits- und Risikoprofile deutlich unterscheiden.
Nach wie vor sind evidenzbasierte Indikationen eng begrenzt. In Deutschland stehen als zugelassene Fertigarzneimittel das Mundspray Sativex® mit THC/CBD (Nabiximols) für mittelschwere bis schwere Verkrampfung aufgrund von Multipler Sklerose, Canemes® mit Nabilon (vollsynthetisches THC) für erwachsene Patienten bei Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie sowie das CBD-haltige Epidyolex® für Kinder mit bestimmten Epilepsieformen zur Verfügung. Dronabinol (halbsynthetisches THC), das unter anderem gegen Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien sowie gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei Patienten mit HIV/Aids verordnet wird, kann auch bei allen anderen Anwendungsgebieten im Rahmen des Cannabis-Gesetzes verordnet werden.
Er begründete diese mit einer besseren Verträglichkeit. Viele der Nebenwirkungen, die Antidepressiva und Antikonvulsiva mitbrächten, zeigten Cannabinoide nicht. »Wir beobachten deutlich weniger Nebenwirkungen auf den Gastrointestinaltrakt und weniger Auswirkungen auf das Gewicht. Vor allem wenn sie für eine bessere Nachtruhe eingesetzt werden, kommen die meisten Patienten damit gut zurecht und profitieren.«
Er forderte jedoch mehr einwandfreie Nachweise einer reproduzierbaren Wirkung; randomisierte kontrollierte doppeltverblindete Studien seien unabdingbar, um auch den Unterschied zwischen Cannabis als Vielstoffgemisch und isolierten Cannabinoiden deutlich zu machen (siehe Kasten). »Wir brauchen für medizinisches Cannabis endlich einen echten Medikamentenstatus, vorzugsweise mit der Indikation FMS.«