Als weiteren Therapieversuch stellte Jakob Emrich den Off-Label-Use von niedrig dosiertem (»low dose«) Naltrexon (LDN) vor - ein Opioidantagonist, auf den viele Betroffene derzeit große Hoffnungen setzen. Da LDN in Deutschland weder eine formale Zulassung hat noch zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden kann, muss Naltrexonhydrochlorid auf Privatrezept als Rezeptur verordnet werden.
Zum Hintergrund: Für den Opiat- und Alkoholentzug oder sonstige Off-Label-Anwendungen kommt Naltrexon eigentlich in Dosierungen zum Einsatz, die zwischen 50 und 150 mg pro Tag liegen. Für die Niedrigdosistherapie bei Fibromyalgie wird lediglich ein Hundertstel der sonst üblichen Dosierung verabreicht, was 0,5 bis 4,5/6,0 mg pro Tag entspricht.
Das schlägt sich pharmakologisch insofern nieder, als dass die Wirkdauer von Naltrexon an den Opioidrezeptoren verkürzt wird. Man geht davon aus, dass durch LDN nicht nur die Empfindlichkeit der Rezeptoren steigt, sondern auch die endogene Produktion von Endorphinen, also der opioidähnlich wirkenden, körpereigenen Botenstoffe. Diese können dann nach Nachlassen der Bindung von Naltrexon an die Opioidrezeptoren binden. Dadurch soll LDN eine positive Wirkung auf Schmerz, Müdigkeit, Abgeschlagenheit sowie das Immunsystem entfalten.
Aufgrund bisheriger Ergebnisse von Studien und Umfragen unter US-amerikanischen FMS-Betroffenen sprach der Schmerzmediziner von einer »50:50-Chance, ob LDN Wirkung zeigt oder nicht«. In jedem Fall sei LDN ein Paradebeispiel dafür, dass viele Betroffene die Wirksamkeit der von Fachgesellschaften prominent empfohlenen und zugelassenen Therapien als schlecht oder unzureichend bewerten, hingegen komplementärmedizinische und andere (in Leitlinien nicht empfohlene) pharmakologische Behandlungsverfahren wie eben LDN als sehr viel günstiger hinsichtlich des Nutzen-Risiko-Verhältnisses einstufen.

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Was die Ursachen des Schmerzsyndroms angeht, tappe man auf noch nebulösen Wegen, verdeutlichte Emrich. Frischen Wind in die Ursachenforschung habe jedoch die Erkenntnis gebracht, dass sich das Darmmikrobiom von Patientinnen mit FMS signifikant von dem gesunder Frauen unterscheidet. »Die Verschiebungen bestimmter Bakterienfamilien und -arten sind so auffällig, dass allein damit fast schon die Diagnose gestellt werden könnte.«
Dass die Mikrobiomsteuerung auch ein neuer Ansatz für die Therapie sein könnte, legt eine neue kanadische Studie nahe, die im Fachjournal »Neuron« publiziert wurde. Dabei brachte der Transfer von Mikrobiomen gesunder Frauen (per Kapsel) eine signifikante Schmerzreduktion bei Erkrankten. Auch Symptome wie Ängstlichkeit und Schlafstörungen besserten sich. In jedem Fall sieht Emrich in einer gezielt entzündungsarmen Ernährungsweise einen sinnvollen Baustein für das Selbstmanagement der Erkrankung.