| Barbara Döring |
| 06.10.2026 08:00 Uhr |
Die Methoden des neuroathletischen Trainings können helfen, Bewegungsabläufe zu optimieren. / © Getty Images/Westend61
Im Zusammenhang mit Spitzensport war in den letzten Jahren immer häufiger von neuroathletischem Training die Rede. Reines Sprinten oder Passspiel gehören etwa im Fußball womöglich bald der Vergangenheit an. Sportler wie der Tennisprofi Alexander Zverev, die Sprinterin Rebekka Haase oder der Basketballspieler LeBron James haben die Methode für sich entdeckt, um ihre Leistungsfähigkeit zu maximieren. Der neue Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft Jürgen Klopp setzt ebenfalls auf Neuroathletik, um Bewegungsabläufe von Spielern auf ein neues Level zu heben. Neuroathletik hält zunehmend Einzug in den Profisport. Dabei könnten auch Laien von der Technik profitieren, wie Professor Dr. Ingo Froböse im Gespräch mit PTA-Forum erläutert.
Geprägt hat den Begriff der Neuroathletik der ehemalige Leistungssportler und Athletiktrainer Lars Liehnhard. Dabei ließ er sich vom neurozentrischen Training, das der US-amerikanische Biologe und Chiropraktiker Dr. Eric Cobb entwickelt hat, inspirieren. Dieses verbindet Erkenntnisse aus der Neurologie mit herkömmlichen Trainingsmethoden. Das Ziel der Neuroathletik ist, Bewegungsabläufe so zu optimieren, dass der Muskel die zur Verfügung stehende Energie möglichst effektiv und zielgerichtet für die Bewegung einsetzen kann und der Sportler so seine persönlichen Bestleistungen erreichen kann.
Die Methode geht davon aus, dass jede Position des Körpers und jede Bewegung bestimmte Anforderungen an das Nervensystem stellt und die Leistungsfähigkeit der Person davon abhängt, wie gut das Gehirn diesen Anforderungen gerecht werden kann. Demnach hängt die Leistung eines Athleten nicht allein von seiner Ausdauer und Kraft ab, sondern auch von neurophysiologischen Vorgängen, die im Hintergrund ablaufen.
Glaubt das Gehirn etwa, bestimmte Gefahren zu erkennen, reagiert es laut der Theorie mit Schutzreaktionen, die Bewegungsabläufe einschränken und so die Leistung mindern und zu Schmerzen und Verspannungen führen können. Ob das genau so funktioniert, ist allerdings wissenschaftlich noch nicht gesichert.
Das Ziel der Neuroathletik ist es also, das Gehirn so zu trainieren, dass sich die Wahrnehmung verbessert, das Sicherheitsgefühl zunimmt und Bewegungen ohne Beeinträchtigungen ablaufen können. Im Prinzip machen das Sportwissenschaftler, Physiotherapeuten und Spitzensportler schon lange, weiß Froböse. Der Fokus liege bei der Neuroathletik nur mehr auf dem Gehirn: »Beim Training stehen weniger die reine Muskulatur und das Herz-Kreislauf-System im Mittelpunkt, sondern die Wahrnehmungs- und Weiterleitungssysteme«, so der Experte.
Indem man den Körper in ungewohnte Belastungssituationen bringt, soll sich die Wahrnehmung verbessern und die Neuroplastizität erhöhen. Dabei nutzt das Training vor allem die sensorischen Systeme Sehen und Hören, aber auch das Gleichgewicht und die Propriozeption, also die unbewusste Wahrnehmung des Körpers im Raum.
Bevor Sportler mit neuroathletischem Training beginnen, werden ihre Bewegungsmuster analysiert, um ineffiziente und fehlerhafte Bewegungen zu identifizieren. Die verschiedenen sensorischen Systeme werden anschließend mit speziellen, zum Teil bizarr wirkenden Übungen wie Augenrollen oder Zungenkreisen trainiert. Froböse führt ein Beispiel an, das besser nachvollziehbar ist: »Im Fußball trainiert man in einem begrenzten Zeitfenster eine Reaktion, sodass der Sportler nicht mehr die volle Informationszeit hat, um einen Ballschuss zu erkennen. Der Schuss kommt erst später ins Blickfeld, sodass eine schnellere Reaktion notwendig wird.«
So stellt man das Gehirn vor die Herausforderung, Aktivitäten präziser auszuführen, als es normalerweise nötig wäre, um die Geschwindigkeit oder Genauigkeit einer Bewegung zu erhöhen: Trainer nutzen dafür bestimmte Tools wie Rasterbrillen, Sehtafeln, Vision-Sticks oder Augenklappen. Eine Rasterbrille etwa schränkt das Sehfeld ein, sodass nicht die komplette Umgebung wahrgenommen wird. Das Gehirn versucht, die fehlenden Ausschnitte zu ergänzen, um das Bild zu komplettieren. »Das Nervensystem sammelt dafür mehr Informationen und geht sensibler mit der Situation um«, so Froböse. Die auf diese Weise neu erlernten Fähigkeiten werden schließlich ins normale Training integriert.
Letztendlich geht es darum, das Körperbewusstsein zu verbessern und Bewegungsabläufe zu optimieren, um Leistungen wie Kraft, Schnelligkeit oder Koordination zu erhöhen und das Verletzungsrisiko zu senken. Schmerzen, die durch fehlerhafte Bewegungsabläufe oder Überlastungen entstanden sind, sollen ebenfalls gelindert werden.
Auch Laien, bei denen die eigene Körperwahrnehmung oft nicht mehr gut funktioniert, könnten von neuroathletischem Training profitieren, ist Froböse überzeugt. Die Sensoren des Körpers zu trainieren, ist schließlich ein wichtiger Schlüssel, um das Körpergefühl zu schulen und Warnsignale richtig zu deuten – auch im Sinne einer besseren Krankheitsprävention.
In Zukunft könnte etwa Fitnesstraining um den Aspekt der Neuroathletik erweitert werden. So könnten auch Laien, die mitunter richtiges Gehen, Springen oder Hüpfen verlernt hätten, durch das sensorische Training ihre Bewegungsqualitäten verbessern. Auch für therapeutische Interventionen etwa bei neurologischen Problemen sieht Froböse neuroathletisches Training als sinnvolle Ergänzung. Bei orthopädischen Problemen könnte die Methode besonders in der Rehaphase hilfreich sein. Wenn beispielsweise eine Endoprothese eingesetzt würde, ändere sich das gesamte Informationssystem des Körpers. Knochen und Knochenmark werden durch Metall ersetzt, Muskeln durchtrennt und Nerven beeinträchtigt. Durch die neuen Strukturen im Organismus, findet ein Umlernen statt, das durch neuroathletisches Training unterstützt werden könnte.
Laien, die sich für Neuroathletik interessieren, können bereits durch einfache Veränderungen der Bewegungsabläufe ihr sensorisches System trainieren. Eine einfache Übung wäre zum Beispiel, auf einer Linie zu laufen oder auch mal schneller oder rückwärts darauf zu gehen; vielleicht auch mit verbundenen Augen oder nur einem offenen Auge. Joggern empfiehlt der Sportwissenschaftler nicht immer die gleiche Runde in derselben Geschwindigkeit zu laufen, sondern auch andere Wege zu wählen und vielleicht mal Sprints einzulegen.
Die Tatsache, dass Jogger oft immer die gleiche Strecke laufen und nicht einmal die andere Richtung wählen, zeige, dass der Mensch sein Nervensystem und die Wahrnehmung viel zu sehr entlastet. Besser wäre es, neue Dinge auszuprobieren und zuzulassen, Aufgaben mal schneller oder anders zu erledigen. Das wäre laut Froböse der erste Schritt zu neuroathletischem Training. »Jeder kann das bei sich selbst ausprobieren und sehen, dass sich etwas verändert«, ermuntert Froböse. Die Bewegungssicherheit würde deutlich besser, das Gehirn flexibler und es könne Informationen aus den Sinnesorganen besser interpretieren.
Der ehemalige Leichtathlet nutzt selbst Elemente der Methode. »Vieles habe ich schon immer gemacht, indem ich bestimmte Dinge erschwere oder verändere«, so Froböse. Nur durch Veränderung, nicht durch Monotonie würde der Körper angeleitet, etwas besser zu tun. Menschen würden sich immer eintöniger, vorsichtiger und eingeschränkter bewegen, wodurch die Qualität der Wahrnehmung abnehme. Er empfiehlt, es den Enkelkindern nachzumachen und Neugier und Interesse zu bewahren. Genau das sei es, was Neuroathletik ausmache.