| Isabel Weinert |
| 27.08.2026 12:00 Uhr |
Kinder lernen eigenes Bindungsvermögen und Empathie ganz erheblich aus den Gesichtern ihrer Eltern. / © Adobe Stock/fizke
Hintergrund ist zum einen die Facial-Feedback-Hypothese, die besagt, dass die Mimik des Menschen nicht nur seinen Emotionen folgt, sondern diese umgekehrt auch beeinflussen kann. Zum anderen geht es um die nonverbale Spiegelung, die brachliegt, wenn Botox die Mimik einfriert. Diese Spiegelung heißt auch »Mirroring« oder »Chamäleon-Effekt«. Sie bedeutet, dass Menschen unbewusst Gestik, (Mikro-)Mimik oder Körperhaltung des Gesprächspartners nachahmen. Daraus versteht zum einen das eigene Gehirn, was der andere ausdrückt, zum anderen signalisiert die Spiegelung dem Gegenüber Zusammengehörigkeit und dient dem Aufbau von Beziehungen zwischen Menschen.
Kosmetische Behandlungen mit Botox beeinflussen die zwischenmenschliche Kommunikation, das Empathievermögen und den Aufbau von Beziehungen. Vermutlich hängt das Ausmaß auch von der Menge an Botox ab, aber die Mikromimik leidet vermutlich auch bei Minimengen des Nervengiftes. Durch die gelähmte mimische Muskulatur schließt sich ein Stück weit das Fenster in die Gefühlswelt des anderen. Zudem verändert Botox, wie das Gehirn neuronal auf emotionale Reize reagiert und sie verarbeitet. Zeigt man Menschen mit Botox Fotos von glücklichen oder von wütenden Menschen, dann schlägt die unter anderem für Emotionen zuständige Amygdala im Gehirn verzögert an und schwächer als ohne Botox.
Weil das Gesicht der Eltern in der Entwicklungspsychologie als der wichtigste Spiegel und Kompass für das Kind gilt, kann es für Kinder tiefgreifende Folgen haben, wenn dieser Entwicklungsraum wegfällt oder sich verzerrt. Dazu gibt es ein berühmtes Experiment, das »Still-Face-Experiment«. Mütter schauten dabei ihre Babys für kurze Zeit vollständig ohne Regung und ohne eine Miene zu verziehen an. Die Babys entwickelten binnen kürzester Zeit massive Stressreaktionen. Sie versuchten verzweifelt, der Mutter ein Lächeln zu entlocken. Gelang das nicht, wandten sie sich stark verunsichert ab.
Dieser Effekt wird durch Botox nachgeahmt. Mutter und/oder Vater reden zwar mit ihrem Kind, sie bewegen sich auch, aber es fehlen bei entsprechender Dosis die winzigen Mikroexpressionen. Das kann das Kind permanent verunsichern. Zudem entfällt, was Psychologen »soziale Rückversicherung« nennen: das Social Referencing. Dabei rückversichern sich Kinder immer wieder bei ihren Eltern mit Blicken, wenn sie selbst nicht einschätzen können, ob eine Situation potenziell bedrohlich sein könnte. Der Mimik der Eltern entnehmen sie direkt, ob sie sich entspannen können. Entfällt das, entwickeln sich daraus eher chronische Ängste und Unsicherheiten.
Weitere wichtige Punkte: Sprache und Empathie. Kinder sollten sehen können, wie sich die Muskeln der Eltern im Gesicht bewegen, wenn diese Laute produzieren, und wie sich das Gesicht in Verbindung mit der zu den Lauten gehörenden Mimik bewegt. Sonst können sie das mimische Feintuning nicht exakt kopieren und damit selbst deutlich schwerer lernen, wie sich Emotionen ausdrücken beziehungsweise wie sich Worte und Mimik zueinander verhalten. Kommen sie in Kontakt mit anderen Menschen, dann können sie Probleme damit haben, Emotionen anderer richtig zu lesen und zu deuten.
Das unsichtbare Band zwischen Eltern und Kindern wurzelt maßgeblich in einer gelungenen, synchronen Kommunikation. Beherrscht das Gesicht der Eltern wegen Botox nicht mehr die gesamte Bandbreite mimischen Ausdrucks, entsteht wahrscheinlicher eine unsichere Bindung. Vor allem (werdende) Eltern überlegen sich aus all diesen Gründen am besten mehrmals, ob ihnen das eigene glatte Gesicht wirklich möglicherweise dauerhafte Defizite in der Entwicklung ihres Kindes wert ist.