Ein deutliches Warnsignal für Arbeitssucht ist es, wenn Erholung, Schlaf, körperliche Bedürfnisse, soziale Beziehungen und die eigene Gesundheit dauerhaft der Arbeit untergeordnet werden. / © Getty Images/Prasit photo
Beim Abendessen mit der Familie klingelt das Diensthandy – ein vermeintlich wichtiger Anruf, deutlich nach der eigentlichen Arbeitszeit. Doch der Gang führt zum Laptop, die Angelegenheit muss jetzt erledigt werden. Wenn die Arbeit auch nach Feierabend, im Urlaub oder trotz Krankheit den Alltag bestimmt, stellt sich die Frage: Wann wird aus engagiertem Arbeiten Arbeitssucht? Fragen und Antworten.
»Suchthaftes Arbeiten bezeichnet das gemeinsame Auftreten exzessiven und zwanghaften Arbeitens. Die Betroffenen arbeiten nicht nur sehr lange und intensiv, sondern haben auch das dauerhafte Bedürfnis zu arbeiten, können in der Freizeit nicht entspannen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich freinehmen«, erklärt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).
Das Institut hat 2023 mit der Technischen Universität Braunschweig eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zum Thema »Suchthaftes Arbeiten« veröffentlicht. Demnach arbeitet rund ein Zehntel der Erwerbstätigen in Deutschland suchthaft. Grundlage waren Daten von 8000 Erwerbstätigen.
Eine klinische Diagnose für Arbeitssucht gibt es nicht. Bei der Einordnung und Behandlung können sich Fachleute zum Beispiel an anderen Abhängigkeitserkrankungen orientieren.
Nein. Menschen, die zeitweise sehr lange arbeiten – etwa während eines wichtigen Projekts oder in einer beruflichen Ausnahmesituation – sind nicht automatisch arbeitssüchtig. »Entscheidend ist vielmehr, wie, warum und mit welchen Folgen jemand arbeitet«, sagt Stefan Poppelreuter, Leiter Analysen & Befragungen HR Consulting beim TÜV Rheinland in Bonn, der zum Thema »Workaholics« promoviert hat.
»Arbeit ist spätestens dann ›zu viel‹, wenn sie nicht mehr frei gestaltet wird, sondern das Leben beherrscht und trotz erkennbarer Schäden fortgesetzt werden muss«, sagt Poppelreuter. Eine Grenze sieht er auch dann überschritten, wenn Menschen Umfang und Dauer der Arbeit nicht mehr selbst steuern können und sich subjektiv außerstande sehen, die Tätigkeit zu unterbrechen. Kritisch sei außerdem, wenn immer mehr gearbeitet werden müsse, um Anerkennung, Befriedigung, Sicherheit oder das Gefühl eigener Bedeutsamkeit zu erlangen.
Daneben geht es bei einer Arbeitssucht vor allem um die sogenannte Toleranzentwicklung. »Um die gewünschte Bestätigung oder Befriedigung zu erreichen, muss immer mehr, länger oder intensiver gearbeitet werden«, sagt der Diplom-Psychologe. Können Betroffene nicht arbeiten, treten Poppelreuter zufolge unter Umständen Unruhe, Schuldgefühle, Gereiztheit, Angst oder sogar körperliche Entzugserscheinungen auf.