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Hormone, Gesellschaft, Geschlecht
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Warum Frauen doppelt so häufig an Depressionen erkranken

Hormonelle Umbrüche und gesellschaftliche Umstände erhöhen das Risiko, an einer Depression zu erkranken, beim weiblichen Geschlecht. PTA-Forum erklärt, welche Phasen besonders vulnerabel machen und welche Hilfen es gibt.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 17.10.2025  16:00 Uhr

Was die Gene bewirken

Die Anfälligkeit für Depressionen kann vererbt werden. Zwillings- und Familienstudien zeigen, dass etwa 30 bis 40 Prozent des Depressionsrisikos genetisch bedingt sind. Es gibt Hinweise auf unterschiedliche genetische Muster bei Frauen und Männern. Einige Genvarianten sind zum Beispiel mit Hormonrezeptoren (wie Estrogenrezeptoren) assoziiert und könnten das Zusammenspiel von hormonellen Schwankungen und Stimmungslage beeinflussen.

Auch epigenetische Einflüsse sind zu beachten. Die Epigenetik beschreibt Veränderungen in der Genaktivität, die nicht durch Veränderungen der DNA-Sequenz selbst entstehen, sondern durch chemische Modifikationen (wie DNA-Methylierung), ausgelöst durch Umwelteinflüsse. Bei Frauen könnte die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) anfälliger für epigenetische Veränderungen sein als bei Männern. Die Achse steuert die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol.

Missbrauchserfahrungen in der Kindheit oder chronischer Stress können epigenetische Spuren hinterlassen, die die Stressregulation langfristig verändern. Hiervon sind Frauen häufiger betroffen, nicht zuletzt deshalb, weil bei ihnen die Prävalenz von Missbrauchserfahrungen höher ist. Auch Schwankungen von Östrogen und Progesteron können epigenetische Muster beeinflussen. Das könnte erklären, warum depressive Episoden bei Frauen oft mit hormonellen Übergangsphasen wie der Pubertät, nach der Schwangerschaft oder der Menopause zusammenfallen.

Dauerhaft im Stimmungstief

Eine der sensibelsten Phasen im Leben einer Frau ist die Zeit nach der Geburt. Hier können Freude und Erschöpfung, hormonelle Umbrüche und neue Verantwortlichkeiten so stark belasten, dass daraus eine ernsthafte psychische Krise entsteht – die postpartale Depression.

Eine gewisse emotionale Überforderung nach der Geburt ist normal. Viele frische Mütter erleben im Wochenbett zunächst einen sogenannten »Baby Blues« – eine vorübergehende Phase von Stimmungsschwankungen, Weinerlichkeit und Erschöpfung, die in den ersten Tagen nach der Geburt auftritt und meist nach ein bis zwei Wochen wieder von selbst abklingt. Dieses postpartale Stimmungstief hat in der Regel noch keinen Krankheitswert.

Hält die Niedergeschlagenheit jedoch länger an, verstärkt sich oder geht mit Antriebslosigkeit, starken Ängsten und anhaltenden Gefühlen der Überforderung einher, spricht man von einer postpartalen Depression. Sie betrifft etwa 10 bis 15 Prozent aller Mütter und ist damit eine der häufigsten Komplikationen im Wochenbett. Deutlich seltener, aber schwerwiegender ist die postpartale Psychose, die sich mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen und einer akuten Gefährdung für Mutter und Kind äußert, und eine sofortige stationäre Behandlung erfordert.

Zu den Risikofaktoren für eine postpartale Depression zählen Schlafmangel, vorausgegangene depressive Episoden, belastende Partnerschaftssituationen und fehlende soziale Unterstützung. Die Erkrankung kann nicht nur die psychische Gesundheit der Mutter beeinträchtigen, sondern auch die Bindung zum Kind erschweren und die Partnerschaft belasten. Eine frühzeitige Diagnostik – etwa durch Screening-Fragebögen in der Nachsorge – ist wichtig.

Um den Frauen zu helfen, stehen psychotherapeutische Verfahren und der Aufbau sozialer Unterstützung im Vordergrund, in schweren Fällen kann auch eine medikamentöse Behandlung notwendig sein. Dabei muss stets abgewogen werden, welche Antidepressiva in der Stillzeit eingesetzt werden können, ohne das Kind zu gefährden. Während die bisher zur Verfügung stehenden Antidepressiva erst verzögert wirken, steht zukünftig mit einem neu in der EU zugelassenen und rascher wirkenden Arzneistoff eine spezielle Pharmakotherapie der postpartalen Depression zur Verfügung (siehe Kasten).

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