| Katja Egermeier |
| 27.05.2026 16:00 Uhr |
Doch nicht alles lasse sich rein evolutionär erklären, heißt es in der Pressemitteilung der DGN weiter. Professorin Berg betont: »Wenn seit frühester Kindheit gutes Verhalten mit Süßigkeiten belohnt wird, formen sich sehr stabile Verbindungen im Gehirn, die immer rascher nach der süßen Belohnung suchen.« Auch Erziehung und Lernprozesse spielten daher eine wichtige Rolle.
Zudem zeigten die Forschenden am Beispiel von Schlaf und Stress, dass solche sogenannten »Feedback-Loops« ein Leben lang entstehen und sich verstärken können. Ein Beispiel: Gestresste Menschen bleiben häufig länger wach, obwohl sie wissen, dass sie den Schlaf benötigen. Der Grund ist meist, sich noch etwas Freizeit zu verschaffen. Diese Zeit wird dann oft mit kurzfristig belohnenden Aktivitäten wie Essen oder Fernsehen gefüllt.
Das führt laut Berg in einen Teufelskreis: Der chronische Schlafmangel schwäche die Fähigkeit des Gehirns, die kurzfristigen Belohnungen zu kontrollieren. »Das heißt im Klartext: Nicht trotz, sondern wegen der Übermüdung agieren wir nicht mehr vernünftig.« So lande man bei der dritten Wiederholung eines mittelmäßigen Krimis anstatt sich einfach schlafen zu legen.
Um diese Muster zu verändern, sei vor allem eines wichtig: sie bewusst zu erkennen und gezielt zu nutzen. Am Beispiel Bewegung zeige sich das besonders deutlich. Da der Mensch sich von Natur aus nur ungern ohne konkreten Anlass bewegt, setzen erfolgreiche Bewegungs- und Motivationsprogramme auf unmittelbar spürbare Anreize, die positive Emotionen auslösen. Das können etwa Lob durch eine Fitnessuhr, Punkte auf einem Bonuskonto oder spielerische Ranglisten in gamifizierten Systemen sein, so Berg.
Denn neuronale Rückkopplungsschleifen können nicht nur ungesundes Verhalten festigen, sondern auch gesundes Verhalten antrainieren. »Nur wer weiß, dass bei ihm oder ihr neurobiologische Mechanismen das Verhalten steuern, kann sich dem erfolgreich widersetzen«, so die DGN-Präsidentin.
Über Appelle wie »Tu dies« und »Lass jenes« ließen sich Verhaltensänderungen nicht erreichen. Stattdessen sollten die Menschen über die beschriebenen neurologischen Mechanismen aufgeklärt werden. »Wir müssen vermitteln, warum es zu dieser Lebensstil-Dissonanz kommt und warum es so schwer ist, Änderungen umzusetzen.« So könne Gesundheitsprävention langfristig von Scham, Frust, Selbstvorwürfen und Stigmatisierung entlastet werden.
Daraus leitet die Expertin drei konkrete Empfehlungen ab: