Die Merkmale beider Diagnosen können sich gegenseitig beeinflussen und teilweise maskieren. / © Getty Images/Maskot
Viele Betroffene berichten, dass ihnen weder klassische ADHS-Tipps noch Strategien für Autismus wirklich geholfen haben. Das liegt auch daran, dass sich die Merkmale beider Diagnosen gegenseitig beeinflussen und teilweise maskieren können.
»Wie es immer bei Komorbiditäten ist, können sich die Erkrankungen gegenseitig beeinflussen, im Positiven wie im Negativen«, sagt Psychotherapeut Sascha Reiners. Unter Komorbidität versteht man das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr eigenständigen Erkrankungen bei derselben Person. Die Kombination von Autismus und ADHS kann dadurch besondere Herausforderungen mit sich bringen – etwa im Umgang mit Reizüberflutung, Überforderung und den eigenen Bedürfnissen. Fragen und Antworten für Betroffene:
Autismus und ADHS sind angeborene neurobiologische Entwicklungsbesonderheiten, die unter anderem beeinflussen, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Reize filtert und Verhalten steuert: »Und diese beiden Neurodiversitäten zeigen insgesamt deutliche Überschneidungen, aber auch Unterschiede«, so Reiners.
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Tatsächlich geht es laut Reiners dabei weniger um ein Defizit an Aufmerksamkeit als um Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeitslenkung und den exekutiven Funktionen – also der Fähigkeit, sich selbst und das eigene Handeln zu steuern. Je nach Ausprägung können auch Hyperaktivität, Impulsivität, Übererregung oder Gedankenrasen auftreten.
Beim Autismus stehen dagegen laut Reiners Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion, ein Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, repetitive oder stark fokussierte Verhaltensweisen sowie häufig Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung im Vordergrund.
Treffen ADHS und Autismus gemeinsam auf, wird dafür häufig der Begriff AuDHS verwendet. Wissenschaftlich etabliert ist die Bezeichnung bislang nicht: »AuDHS ist eigentlich noch keine wissenschaftliche Diagnose«, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Lange wurden ADHS und Autismus weitgehend getrennt betrachtet. Heute ist bekannt, dass beide gleichzeitig auftreten können.
Dass ADHS und Autismus generell häufig spät oder gar nicht erkannt werden, liegt laut Neuy-Lobkowicz unter anderem an Versorgungslücken im Erwachsenenbereich. Häufig werden Begleiterkrankungen wie Depressionen behandelt, während die darunter liegende ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung unerkannt bleiben.
Bei der Kombination beider Diagnosen kommt hinzu, dass sich ihre Merkmale gegenseitig verdecken können, so Sascha Reiners. So kann etwa die ADHS-bedingte Desorganisation das autistische Bedürfnis nach Struktur überlagern – oder Spontaneität und wechselnde Interessen bei ADHS autistische Merkmale verdecken. Dadurch wird es laut Reiners schwieriger zu erkennen, ob beide Diagnosen gleichzeitig vorliegen.
Erschwert wird die Diagnostik laut Psychotherapeut Reiners zudem durch sogenanntes Camouflaging oder Masking (dt. »Tarnen« oder »Maskieren«). Betroffene lernen, neurotypisches Verhalten bewusst nachzuahmen und wirken dadurch nach außen oft unauffällig oder gut organisiert. Tatsächlich kostet sie dieses Verhalten jedoch viel Energie. So kann laut Reiners jemand beispielsweise organisiert erscheinen, für alltägliche Aufgaben aber zahlreiche Hilfsmittel benötigen und deutlich länger brauchen.