| Isabel Weinert |
| 04.03.2026 12:00 Uhr |
Manche Menschen mit dem Verdacht auf eine genetisch bedingte Entgiftungsstörung verspüren bei einem Leben draußen Besserung. / © Getty Images/Justin Lewis
Der Körper des Menschen verfügt über außerordentlich effektive Strategien, um Stoffe, die ihm schaden könnten, wieder loszuwerden. Nicht jede Substanz kann er entsorgen, manches lagert sich im Fettgewebe ab oder in anderen Arealen des Körpers, aber in Summe arbeitet der Organismus hoch effektiv, um »Müll« loszuwerden.
Allerdings gibt es genetische Besonderheiten, die diese dauernde Entgiftung erschweren können. Dazu gehört ein Mangel an sogenannten Glutathion-S-Transferasen. Diese Enzyme helfen maßgeblich dabei, Umweltgifte und Medikamente zu »neutralisieren«, oxidative Schäden, Zellstress und DNA-Schäden so gering wie möglich zu halten.
Vielen Menschen fehlt eines der Enzyme genetisch bedingt von Anfang an. Fachleute sprechen von Null-Genotypen. Sie haben zum Beispiel eine GSTM1 oder GSTT1-Deletion. Diese Typen sind so häufig, dass man eher von Polymorphismen spricht als von einer seltenen genetischen Erkrankung. Aber wo liegt dann das Problem? Bereits wenn ein Gen ausfällt, das für eine der Glutathion-S-Transferasen codiert, steigt ein wenig das Risiko für bestimmte Erkrankungen. Beim GSTM1-Null-Genotyp nimmt die Gefahr für Lungen- und Blasenkrebs, für Parkinson und Alzheimer zu. Die genannten Krebsarten treten auch bei Menschen vom GSTT1-Null-Genotyp häufiger auf. Diese Menschengruppen müssen aber in ihrem Leben nicht zwingend symptomatisch mitbekommen, dass sie eine bestimmte genetische Variante haben, die die körpereigene Entmüllung einschränkt.
Wahrscheinlicher werden Symptome bei einer sogenannten »Doppel-Null«, also wenn sowohl GSTM1 als auch GSTT1 fehlen. Betroffene erleiden deutlich mehr oxidativ bedingte Zellschädigungen. Egal ob Null oder Doppel-Null, die genetischen Varianten existieren von Anfang an, sie entstehen also nicht durch eine spontane Mutation im Laufe des Lebens. Mögliche Symptome aber können auch erst in höherem Lebensalter auftreten, dann, wenn die Schutz- und Reinigungsmechanismen des Körpers ohnehin nachlassen.
Symptome sind eine Sensitivität gegenüber Chemikalien und Medikamenten, häufige Infekte, chronische Entzündungsprozesse sowie anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch Brain Fog, Reizbarkeit, Ängste und depressive Verstimmungen.
In diesem Zusammenhang interessieren sich Forschende auch dafür, ob Menschen mit Long Covid oder jene, die eine Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) infolge einer Infektion entwickelt haben, womöglich eher diejenigen sind, bei denen eines oder mehrere der Gene für Glutathion-S-Transferasen nicht vorhanden sind. Untersuchungen zeigen, dass besonders die Lymphozyten bei Menschen mit Long Covid oder mit ME/CFS unter dauerhaft erhöhtem oxidativem Stress leiden. Dabei entstehen mehr freie Radikale als die Entgiftung des Körpers bewältigen könnte. Ein Glutathion-S-Transferase-Mangel kann in Kombination mit viralen Infektionen und/oder Umweltfaktoren das Glutathion als wichtigstem »Entgifter« überlasten und erschöpfen. Mangelt es daran, gewinnen starke Entzündungsreaktionen die Oberhand. Reaktionen, die in Long Covid oder ME/CFS münden können.
Leider gibt es keine erwiesenermaßen wirksame Therapie bei einem Glutathion-S-Transferase-Mangel. Deshalb ist auch ein genetischer Test auf diese Varianten im Erbgut unter Medizinern umstritten. Denn das Ergebnis wäre für die behandelnden Ärzte nicht unbedingt ein Gewinn, weil es so viele Träger dieser genetischen Varianten gibt und sie damit nur eine von mehreren Möglichkeiten sind, warum ein Mensch die oben genannten Symptome zeigt. Allerdings können Mediziner einen Test dann in Betracht ziehen, wenn einem Patienten chronisch Energie und Antrieb fehlen, er im Gegenteil dauernd müde ist, chronische Entzündungen und häufige Infekte eine Immunschwäche wahrscheinlich machen und er dauernd schlecht schläft.
Was bleibt, wenn ein genetisch bedingter Mangel bewiesen wurde oder vermutet wird? Der Rat lautet, die Belastung mit Schadstoffen so weit wie möglich zu verringern. Das ist der Grund, warum manche Betroffene den Eindruck haben, in der Natur geht es ihnen besser – und auf jeden Komfort verzichten, um draußen zu leben. Vermutlich muss hier jeder Mensch seinen eigenen Weg finden und dabei möglichst mit professioneller Hilfe darauf schauen, den Fokus nicht zu stark auf die Symptomatik zu richten, denn das kann sie im Zweifel noch verstärken. Ratsam ist es, auf Parfums, parfümierte Waschmittel und Körperpflege zu verzichten.
Versucht wird auch, durch die Zufuhr von N-Acetylcystein die Glutathion-Konzentration im Körper zu steigern. N-Acetylcystein als Vorstufe von Cystein gilt als sehr effektiv, um mehr Glutathion im Körper zu erreichen. Reines, oral eingenommenes Cystein hingegen weist eine schlechte Bioverfügbarkeit auf. Um die Konzentration an Glutathion im Organismus zu steigern, werden auch Bewegung und der Verzehr schwefelhaltiger Lebensmittel empfohlen. Zu letzteren zählen Eier, Brokkoli, Knoblauch, Lauch, Zwiebeln und Kreuzblütler. Die schwefelhaltigen Nahrungsmittel fördern die Produktion von Cystein, das als limitierender Faktor in der Glutathionsynthese gilt. Selen als Cofaktor für Glutathion, Glycin als eine Komponente des Moleküls, Vitamin C und alpha-Liponsäure werden ebenfalls versucht, um eine Besserung zu erzielen.
Weil bei Glutathion-S-Transferase-Mangel ein bestimmter Anteil der Entgiftung durch die Leber nur eingeschränkt funktioniert, die sogenannte Phase-II-Entgiftung, können auch einige Medikamente schlechter metabolisiert werden. Weiß ein Mensch von dieser genetischen Variante, kann er seinen Arzt darauf hinweisen, damit dieser bei zu verordnenden Medikamenten darauf achtet, kritische Medikamente möglichst auszutauschen.