| Isabel Weinert |
| 02.06.2026 16:00 Uhr |
Ein Typ-1-Diabetes schützt leider überhaupt nicht vor Übergewicht. / © Getty Images/Kseniya Ovchinnikova
Zwischen 370.000 und 400.000 Menschen in Deutschland müssen mit Typ-1-Diabetes leben, das heißt, sie sind lebensnotwendig auf täglich mehrfache Insulingaben angewiesen. Etwas weniger als 10 Prozent der Erkrankten ist bis 17 Jahre alt, ungefähr 37.000 Betroffene befinden sich im jungen Erwachsenenalter und beinahe 60 Prozent sind im Alter von 20 Jahren aufwärts. Mitnichten sind all diese Menschen schlank. Im Gegenteil, der Prozentsatz der übergewichtigen und adipösen Menschen mit Typ-1-Diabetes liegt mit 60 bis 64 Prozent ebenso hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Und es trifft keineswegs nur die langjährig Erkrankten: Ein deutlicher Anstieg lässt sich bei den Jüngeren ausmachen. Adipositas ist einer der wesentlichen Gründe für einen Double Diabetes.
Experten nennen als weitere Ursache die flexible Insulintherapie. Das heißt, auch mit Typ-1-Diabetes können Menschen heute bis auf wenige Ausnahmen essen, was sie wollen. Das verführt natürlich. Der Riegel Schokolade? Kein Problem, spritzt man dann schnell runter. Der Eisbecher, das Stück Kuchen? Alles möglich, wenn Typ-1-Diabetiker den Blutzucker mit Insulin korrigieren. Und weil sie ansonsten nicht anders ticken als gesunde Menschen, fällt es ihnen ebenso schwer, bei der Fülle des Angebots zu verzichten.
Auch die AID-Systeme, also die Therapie mit Insulinpumpen, vermitteln den Eindruck, es gehe doch alles. Nicht selten resultiert daraus ein Insulinüberschuss. Nicht nur, dass man dem gegensteuern muss, um Unterzuckerungen zu vermeiden, indem man mehr isst. Das Plus an Insulin, damit man sich alles »gönnen« kann, begünstigt zudem die Fettspeicherung, die sogenannte Lipogenese. Dafür aktiviert es die Lipoproteinlipase, die Fette aus der Blutbahn direkt in Fettdepots einlagert. Viel Insulin stoppt außerdem den Fettabbau, die Lipolyse. Die Summe der Effekte fördert Übergewicht.
Je mehr Kilo ein Mensch jedoch auf den Rippen trägt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Zellen des Körpers immer weniger auf Insulin reagieren. Das ist der Schlüssel für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Der Unterschied besteht nur darin, dass bei zunächst gesunden Menschen die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin herstellt, um die Insulinresistenz zu brechen, und irgendwann erschöpft, während es bei Typ-1-Diabetikern das gespritzte Insulin ist, gegen das die Zellen abstumpfen.
Der Effekt: Typ-1-Diabetiker mit gleichzeitiger Insulinresistenz oder gar einem manifesten Typ-2-Diabetes infolge von Übergewicht müssen immer mehr Insulin spritzen, um ihre Blutzuckerwerte im Normbereich halten zu können. Ein stark ansteigender Insulinbedarf ohne sonstige außergewöhnliche Vorkommnisse, wie etwa ein Infekt, weist deshalb auf eine Insulinresistenz hin.