| Barbara Döring |
| 07.07.2026 08:00 Uhr |
Erst kürzlich hat ein internationales Forschungsteam mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen einen direkten Kommunikationsweg vom Gehirn zum Darm identifiziert, der erklären könnte, wie sich psychische Zustände auf das Darmmikrobiom auswirken. Demnach beeinflusst das Gehirn mithilfe des Vagusnervs über die Brunner-Drüsen im Darm die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft. Die Brunner-Drüsen sondern einen Schleim ab, der die Darmwand auskleidet und nützliche Darmbakterien gedeihen lässt.
Der Vagusnerv verbindet die Brunner-Drüsen mit der Amygdala, einem Gehirnareal für emotionale Reaktionen. Stress und Ängstlichkeit verringern die Aktivität der Amygdala, sodass der Vagusnerv weniger Signale aussendet. Die Kommunikation wird spärlicher und die Brunner-Drüsen sondern weniger des für die Darmbakterien nötigen Schleims ab. Die Ergebnisse könnten laut den Forschenden erklären, warum psychosozialer Stress die Wahrscheinlichkeit einer Infektionserkrankung erhöht. Sie könnten zudem Möglichkeiten aufzeigen, den Auswirkungen von Stress entgegenzuwirken. In Untersuchungen mit Mäusen normalisierte die Stimulation des Vagusnervs die Schleimsekretion und glich die Auswirkung von Stress auf die Darmbakterien aus. Auch Probiotika konnten bei gestressten Mäusen die Folgen der psychischen Belastung kompensieren.
Inwieweit sich aus den Erkenntnissen zur Darm-Hirn-Achse neue Therapieoptionen ergeben könnten, wird zurzeit untersucht. Eine Stuhltransplantation etwa ist bereits bei schweren und wiederholten Durchfällen bei einer Darmbesiedelung mit Clostridium difficile zugelassen. Bei einer entsprechenden Übersiedelung von Darmbakterien sind auch Risiken zu beachten. So besteht das Gefahr, infektiöse Erkrankungen zu übertragen.
Die Frage, was ein gutes Mikrobiom ausmacht, das für eine gesunde Kommunikation zwischen Darm und Gehirn sorgt, lässt sich bislang schwer beantworten. Die Zusammensetzung ist von Mensch zu Mensch sehr individuell und kann sich stark unterscheiden, obwohl sich beide vielleicht topfit fühlen. Heute ist zumindest klar: Eine Darmflora mit möglichst vielen verschiedenen günstigen Bakterien scheint der Grundstein für eine gute Gesundheit zu sein. Und diese Vielfalt lässt sich durch eine ballaststoffreiche und pflanzenbetonte Ernährung mit Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst und Nüssen erreichen. Dagegen korreliert eine Ernährung mit viel rotem Fleisch, gesättigten Fetten, Zucker und stark verarbeiteten Produkten mit einer geringen Diversität der Darmbakterien, die wiederum oft mit einer schlechteren Gesundheit in Verbindung steht.
Das Darmmikrobiom besteht zu 99 Prozent aus Bakterien. Im Dickdarm findet sich eine Gesamtmasse von 1–2 kg und eine hohe Vielfalt von bis zu 1000 Arten, darunter Lactobacillus, Bifidobacterium oder Akkermansia. Durch einseitige Ernährung oder eine Antibiotikatherapie kann die Vielfalt der Darmbakterien abnehmen. Inwieweit Probiotika dabei helfen, das Mikrobiom gezielt und dauerhaft aufzubauen, ist noch unklar. Bei einer antibiotischen Therapie können sie das Risiko für Durchfall verringern.
Verschiedene Studien weisen positive Effekte von Probiotika auf die Gesundheit nach. So zeigt eine Metaanalyse einen günstigen Einfluss auf kognitive Funktion, Depression und Angstzustände. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes können Probiotika Entzündungsmarker senken und womöglich die Blutzuckerregulation verbessern. Im Hinblick auf die Verbesserung bestimmter Allergien zeigte der Lactobacillus-rhamnosus-GG-Stamm signifikante Vorteile.