Kurzfristig kann Masking schützen, etwa soziale Teilhabe ermöglichen und Ausgrenzung im Schul- oder Berufsalltag verhindern oder verringern. Langfristig kann das ständige Anpassen jedoch erschöpfen und mit Angst oder Depressionen in Verbindung stehen – Studien zeigten hier lediglich Assoziationen, keine Kausalität, so Boettcher. Klar ist jedoch: »Sich die ganze Zeit sehr stark zu verstellen, kostet Energie«, so Boettcher. Wer dauerhaft Masking betreibt, verliert leicht den Kontakt zum eigenen Ich.
Problematisch wird es laut Sascha Reiners auch, wenn eigene Bedürfnisse kaum noch wahrgenommen werden: »Wenn Menschen über lange Zeit das Gefühl haben, nicht sie selbst sein zu können, kann das zu Erschöpfung, innerem Druck oder Unsicherheit im eigenen Selbstbild führen.«
Für das Umfeld bleibt oft unsichtbar, wie viel Energie in die Anpassung fließt. Belastung oder Reizüberforderung werden leicht unterschätzt, was laut Reiners zu Missverständnissen führen kann. Psychotherapeutisch geht es daher meist nicht darum, Masking ganz abzulegen, sondern den Umgang damit bewusster und selbstfürsorglicher zu gestalten.
Laut Boettcher sollte das Ziel nicht sein, das Masking komplett abzulegen. Wichtiger sei, bewusst zu wählen, wann man sich anpasst und wann man das eigene Ich zeigen kann. Ein erster Schritt ist, zu erkennen, wann und wie man camoufliert, und diese Anpassung gezielt einzusetzen.
Boettcher betont dabei, dass es darum geht, die Schichten des Camouflaging zu erkennen und das eigene Verhalten bewusst wahrzunehmen: »Das ermöglicht einem, dass man vielleicht wieder zum eigenen Selbst und zu dem eigenen Verhalten zurückkommt.« Ziel ist, bestimmte Verhaltensweisen wieder zulassen zu können, sodass das ständige Unterdrücken weniger Energie kostet und das eigene Selbst wieder in den Vordergrund rückt.
»Ein zentraler Schritt ist, die Aufmerksamkeit wieder stärker auf eigene innere Signale zu richten«, so Reiners. Dazu gehört zu erkennen, wann Stress entsteht, welche Situationen besonders belastend sind und wie Körper und Gedanken reagieren. Sich sichere Räume zu schaffen, ist ein weiterer Schritt: »Das können vertraute Beziehungen oder Umgebungen sein, in denen man sich sicher fühlt«, sagt der Psychotherapeut.
Regelmäßige Pausen und Rückzugsmöglichkeiten verringern zusätzlich die Belastung. Eigene Bedürfnisse klar zu kommunizieren, etwa am Arbeitsplatz, und kleine Veränderungen im Alltag können Stress deutlich reduzieren. Achtsamkeitsübungen, Tagebuchschreiben oder gezielte Selbstreflexion können ebenfalls helfen. Kleine Experimente im Alltag, bei denen man sich weniger stark anpasst, stärken zusätzlich das Gespür für die eigenen Bedürfnisse, so Reiners.
Auch der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen, Wissen über Neurodivergenz oder persönliche Reflexion helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.