Für den Anfang können Aktivitäten wie ein Kinobesuch, bei dem man keine Konversation in Gang halten muss, geeignet sein. / © Getty Images/Edwin Tan
In einigen Situationen braucht man etwas Zeit für sich selbst: in stressigen Lebensphasen zum Beispiel. Sich eine Zeit lang oder regelmäßig ein, zwei Abende in der Woche bewusst zurückzuziehen, um Hobbys nachzugehen oder sich auszuruhen, sei ganz normal, betont Tatjana Reichhart. Die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist in München als Coach und Trainerin tätig.
Sie sagt: »Wenn der Rückzug selbst gewählt ist und wir die Zeit absichtsvoll für uns selbst verwenden, würden wir aber nicht von sozialem Rückzug sprechen, sondern eher von Me-Time.« Und: Diese sogenannte Me-Time gibt Energie und hilft, die Batterien wieder aufzuladen.
Problematisch wird es, wenn man abends nach der Arbeit regelmäßig so erschöpft ist, dass man weder Kapazitäten für Hobbys noch Treffen mit Freunden hat und völlig erledigt vor dem Fernseher hängt, beschreibt Reichhart. »Das ist keine qualitativ hochwertig genutzte Zeit und die bringt in der Regel auch nicht die Energie zurück.«
Aber nicht nur das macht sozialen Rückzug problematisch. Es geht auch darum, was man damit erreichen möchte. »Sozialer Rückzug kann auch eine Vermeidungsstrategie sein, mit der man negativen Gefühlen aus dem Weg gehen will«, erklärt der Psychologe Klaus Nuyken. Wer aus Angst vor der Bewertung durch andere ein Treffen absagt, verhält sich dysfunktional. Kurzfristig sinkt zwar die Angst durch das Vermeidungsverhalten. Langfristig wird sie aber verstärkt und damit aufrechterhalten und verschlimmert sich sogar, was zu einer weiteren Einschränkung der Lebensqualität führt.
Mitunter gerät man in einen Teufelskreis: Wer sich von anderen zurückzieht, erhält auch kein positives Feedback mehr. Das könne den Rückzug weiter verstärken, wie Nuyken erklärt. »Sozialer Rückzug hängt eng mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen zusammen und ist in aller Regel ein Symptom der Krankheit.«
Bei der Depression liegt das vor allem an der typischen Antriebslosigkeit und daran, dass Betroffene kaum noch Freude empfinden. Bei der Angststörung spielt vor allem die Vermeidung eine Rolle. Aber auch als Folge eines Traumas oder im Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen kann sozialer Rückzug ein Symptom sein.
Betroffene merken in der Regel zunächst gar nicht, dass sie sich zurückziehen und dass ihnen das nicht guttut. »Wichtig ist es daher, sich zu reflektieren und zum Beispiel zu überlegen: Wie zufrieden und erholt bin ich vor einem Abend alleine vor dem Fernseher und wie ist es danach?«, rät Reichhart. Das könne man dann gedanklich vergleichen: Wie wäre das nach einem Abend mit einer Freundin oder einem Freund oder wenn ich meinem Hobby nachgehe?