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Zwei-Prozess-Modell der Schlafregulation
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Das Nachmittagstief erklärt

Mit Beginn der dunkleren Jahreszeit kann es für viele Menschen wieder schwieriger werden, die Konzentration über den Tag aufrechtzuerhalten. Es droht – deutlich ausgeprägter als im Sommer – das 15-Uhr-Tief. Allerdings gibt es gute physiologische Gründe für diesen Konzentrationsabfall, wie das Zwei-Prozess-Modell der Schlafregulation zeigt.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 29.09.2026  12:00 Uhr

Die bekannte Müdigkeit am frühen Nachmittag ist offenbar mehr als die Folge eines üppigen Mittagessens. Basis ist vielmehr ein physiologisch programmiertes 15-Uhr-Tief, bei dem die innere Uhr, ein zunehmender Schlafdruck und Stoffwechselsignale nach der Nahrungsaufnahme zusammenwirken. Grundlage ist das Zwei-Prozess-Modell der Schlafregulation:

  • Mit zunehmender Wachzeit steigt der homöostatische Schlafdruck, der auch als »Faktor S« bezeichnet wird. Dabei akkumuliert unter anderem Adenosin im Gehirn.
  • Parallel erzeugt die circadiane Uhr ein über den Tag schwankendes Wachsignal, das in dem Modell auch als »Faktor C« bezeichnet wird.

Während dieses am Vormittag dem wachsenden Schlafdruck entgegenwirkt, nimmt der Wachantrieb am frühen Nachmittag vorübergehend ab. Treffen zunehmender Schlafdruck und sinkendes circadianes Wachsignal aufeinander, entsteht das typische Müdigkeitsfenster.

Die zugrunde liegende circadiane Organisation reicht weit über den Schlaf-Wach-Rhythmus hinaus. Der suprachiasmatische Nukleus (SCN) im Hypothalamus fungiert als zentraler Taktgeber und synchronisiert über neuronale und hormonelle Signale periphere Uhren unter anderem in Gehirn, Herz, Leber und Skelettmuskel.

Mittagessen kann Effekt verstärken

Die Nahrungsaufnahme am Mittag verändert die Kommunikation zwischen Darm, Stoffwechsel und Gehirn über Magendehnung, Nährstoffsignale und gastrointestinale Hormone. Größere Mahlzeiten sind mit stärkerer Schläfrigkeit und schlechterer Aufmerksamkeit nach dem Essen verbunden.

Für die populäre Vorstellung, ein bestimmter Makronährstoff, etwa Kohlenhydrate oder Fett, sei generell der Schuldige, gibt es dagegen keine überzeugende Evidenz. Damit ist auch die häufig zu hörende Erklärung, nach dem Essen werde dem Gehirn zugunsten des Verdauungstrakts »Blut entzogen«, als alleinige physiologische Erklärung zu kurz gegriffen.

Eine plausible Schnittstelle zwischen Ernährung, Energiestatus und Wachheit bietet das Orexin-System, auch wenn die genaue Bedeutung für die alltägliche postprandiale Müdigkeit noch nicht abschließend geklärt ist. Orexin-A und Orexin-B, auch Hypocretin 1 und 2 genannt, werden von einer relativ kleinen Neuronenpopulation im lateralen Hypothalamus produziert, besitzen jedoch weitreichende Projektionen im Zentralnervensystem. Über die Rezeptoren OX1R und OX2R beeinflussen sie neuronale Netzwerke, die Wachheit und Aufmerksamkeit aufrechterhalten.

Orexin-Neuronen aktivieren unter anderem noradrenerge, serotonerge, histaminerge und dopaminerge Systeme. Beim Menschen steigen Orexin-A-Spiegel im Tagesverlauf, wenn zunehmender Schlafdruck durch Wachheit kompensiert werden muss. Stoffwechselsignale einschließlich Glucose können diese Neuronen beeinflussen.

Klinisch ist die Bedeutung des Orexin-Systems bereits erheblich: Orexin-Rezeptor-Antagonisten, beispielsweise Daridorexant, werden bei Insomnie eingesetzt, während Orexin-Rezeptor-Agonisten insbesondere für Narkolepsie entwickelt werden.

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