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Impuls außer Kontrolle
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Der Drang zum Zwang

Putzfimmel oder Waschzwang? Diese Frage ist nicht immer einfach zu beantworten. Viele Menschen folgen Ritualen und Angewohnheiten, die für Außenstehende keinen Sinn ergeben. Den Betroffenen geben sie jedoch Struktur, verleihen Sicherheit und reduzieren Ängste. Arten harmlose Marotten jedoch aus, werden Betroffene zu Gefangenen ihrer eigenen Vorstellung. Auch die Pandemie fördert Zwänge.
AutorKontaktCarina Steyer
Datum 08.01.2021  15:30 Uhr

Therapeutisch unterversorgt

Zwangsstörungen beeinträchtigen nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das der Angehörigen enorm. Schätzungen zufolge sucht trotzdem nur etwa ein Drittel aller Zwangserkrankten jemals einen Arzt oder Psychologen auf. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Patienten bereits einen langen Leidensweg hinter sich. So vergehen laut S3-Leitlinie »Zwangsstörungen« vom Beginn der Zwangssymptomatik im Durchschnitt 7,5 Jahre, bis Patienten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Die durchschnittliche Zeitspanne von der Entwicklung der Zwänge bis zum Beginn einer adäquaten Behandlung ist noch einmal länger und liegt bei 17 Jahren. Experten erklären dies in erster Linie damit, dass Zwangserkrankungen häufig nicht richtig diagnostiziert werden. So könnten Schätzungen zufolge etwa 20 Prozent der Erkrankungen in dermatologischen Kliniken auf eine Zwangsstörung zurückgeführt werden, ohne als solche erkannt zu werden.

Noch bis in die 1960er Jahre hinein galten Zwangsstörungen als kaum bis nicht behandelbar. Heute gelingt es 90 Prozent der Patienten, die eine optimale Therapie erhalten, ihre Zwänge auf ein Maß zurückzuschrauben, das mit einem normalen Leben vereinbar ist. Als Goldstandard für die Behandlung von Zwangserkrankungen gilt die sogenannte störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement. Sie wird aber nicht von allen Patienten in Anspruch genommen. Das liegt zum einen an den Patienten selbst und zum anderen an der Versorgungslage. Diese ist in Deutschland nicht ausreichend, bemängeln Experten. So führen nach Angaben der »Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.« (DGZ) nur etwa 20 Prozent der Therapeuten eine Expositionsbehandlung bei Zwangsbetroffenen durch. Patienten, die diese Behandlung in Anspruch nehmen möchten, sollten deshalb unbedingt gezielt danach fragen. Die DGZ bietet hierzu eine telefonische Beratung an.

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