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Impuls außer Kontrolle
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Der Drang zum Zwang

Putzfimmel oder Waschzwang? Diese Frage ist nicht immer einfach zu beantworten. Viele Menschen folgen Ritualen und Angewohnheiten, die für Außenstehende keinen Sinn ergeben. Den Betroffenen geben sie jedoch Struktur, verleihen Sicherheit und reduzieren Ängste. Arten harmlose Marotten jedoch aus, werden Betroffene zu Gefangenen ihrer eigenen Vorstellung. Auch die Pandemie fördert Zwänge.
AutorKontaktCarina Steyer
Datum 08.01.2021  15:30 Uhr

Die Angst aushalten

In der Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement werden Zwänge als ein Wechselspiel zwischen der Persönlichkeit des Betroffenen und seinem sozialen Umfeld gesehen. Zu Beginn der Therapie besprechen Therapeut und Patient, in welchen Situationen die Zwänge auftreten und von welchen Gedanken und Gefühlen sie begleitet werden. Anschließend lernt der Patient Methoden, mit denen er den Impuls zur Zwangshandlung frühzeitig erkennen und sich von ihm distanzieren kann. Ziel ist es, die Zwangshandlung nicht auszuführen. Besonders wichtig bei dieser Form der Verhaltenstherapie ist, dass der Betroffene das Ganze nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch erfährt und übt.

Für die sogenannte Exposition begeben sich Patient und Therapeut gezielt in eine zwangsauslösende Situation. Aufgabe des Betroffenen ist es nun, mit Hilfe des Therapeuten und den gelernten Techniken die aufkommende Angst und Anspannung auszuhalten. Die Belastung für den Betroffenen ist dabei enorm. Neben Angst, Anspannung und Ekel treten häufig auch schwere Schuld- und Schamgefühle auf, die so stark sind, dass Patienten nach einem Herzinfarkt mit dieser Therapieform nicht behandelt werden können. Patient und Therapeut verbleiben während der Expositionsbehandlung so lange in der gefürchteten Situation, bis die negativen Gefühle von selbst abebben. Das kann bis zu vier Stunden dauern. Mit jeder Wiederholung der Übung erleben die Patienten jedoch, dass ihre Angst von Mal zu Mal schwächer wird und sich die Zeit, die sie aushalten müssen, verkürzt. Durch die Wiederholung tritt ein Gewöhnungseffekt ein, und Betroffene machen die Erfahrung, dass ihre Befürchtungen ausbleiben. Beides zusammen führt dazu, dass das Gehirn lernt, mit den gefürchteten Situationen neu umzugehen und sie nicht mehr als gefährlich einzustufen.

Umfeld einbeziehen

Expositionsbehandlungen nehmen viel Zeit in Anspruch und werden meist in Blöcken durchgeführt. Dabei werden die Intensität und Schwierigkeit der Übungen immer weiter gesteigert und so lange wiederholt, bis der Betroffene schließlich in der Lage ist, sie selbstständig weiterzuführen. Die Therapie wird nun wieder in ein normales Setting verlegt, ist aber weiterhin wichtig, um gemachte Erfahrungen reflektieren zu können und Unterstützung zu erhalten. Therapeuten, die Erfahrungen mit Expositionsbehandlungen haben, empfehlen, die Wohnung und das soziale Umfeld des Betroffenen in die Übungen mit einzubeziehen. Hier sind die Vermeidungstendenzen in der Regel am stärksten ausgeprägt, da die Betroffenen darauf bedacht sind, sich ohne Ängste bewegen und wohl fühlen zu können. Angehörige wiederum sind häufig in das Zwangssystem eingebunden und können somit ungewollt zu einer Aufrechterhaltung der Symptome beitragen. Wie lange die Behandlung einer Zwangserkrankung dauert, hängt neben der Schwere der Zwänge von der Motivation des Betroffenen und der Intensität der Übungen ab.

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