Zu Beginn einer Zwangserkrankung nehmen die Erkrankten ihre Befürchtungen und Ängste häufig als einen persönlichen Aberglauben wahr, den sie nicht als belastend empfinden. Sie können ihr Denken und Handeln weitgehend kontrollieren und führen die Zwangshandlungen nur in bestimmten Situationen aus, in denen sie eine gute Wirkung zeigen. Sie wirken zuverlässig gegen die schlimmsten Befürchtungen, bauen die Angst ab und vermitteln Sicherheit. Noch scheint alles unter Kontrolle.
Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. nennt zwei wesentliche Punkte, die auf ein zwanghaftes Verhalten hindeuten:
Die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Zwangsstörungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ergänzt als wichtige Diagnosekritierien:
Kritisch wird es, wenn die Zwänge sich ausdehnen. Nun kommen neue Ängste und Befürchtungen hinzu, durch Kontakte und Übertragungen werden immer mehr Bereiche als verunreinigt angesehen. Die Zwangshandlungen müssen immer häufiger ausgeführt werden, und die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis. Denn je öfter sie eine Zwangshandlung ausführen, umso stärker wird der Zwang, sie zu wiederholen. Das Gefühl, sich sicher fühlen zu können, stellt sich nur mit immer mehr Aufwand ein. Menschen mit diesem Zwang kommen mit Waschen und Putzen kaum noch hinterher, verbringen Stunden im Badezimmer oder damit, die Wohnung zu reinigen. Die Kosten für Wasser, Strom und Reinigungsmittel steigen kontinuierlich. Angehörige, die im gleichen Haushalt leben, werden in die Zwangsrituale eingebunden. Sie dürfen dann beispielsweise nur noch bestimmte Teile der Wohnung betreten oder müssen sich ebenfalls aufwendigen Reinigungsritualen unterziehen, wenn sie nach Hause kommen.
Obwohl Zwangserkrankte enorme Anstrengungen unternehmen, ihr Leben unter Kontrolle zu halten, wird der Radius, in dem sie sich ohne Angstgefühle bewegen können, immer kleiner. Um den Zwang nicht noch weiter zu verstärken, ziehen sie sich oft aus ihrem sozialen Umfeld und dem Arbeitsleben zurück. In der Folge entwickeln sich bei vielen Depressionen, Panikstörungen, eine soziale Phobie oder Abhängigkeiten. Letztere sind meist das Resultat des Versuchs, die Zwänge durch Alkohol in den Griff zu bekommen.