| Verena Schmidt |
| 08.07.2026 16:00 Uhr |
Früher gingen Experten davon aus, dass eine Placebo-Behandlung nur funktioniert, wenn die Patienten getäuscht werden – der Patient muss also daran glauben, ein wirksames Medikament zu erhalten, obwohl das gar nicht der Fall ist. Die Annahme gilt inzwischen als überholt: So zeigt unter anderem eine große internationale Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr unter Federführung des Universitätsklinikums Freiburg, dass auch sogenannte Open-Label-Placebos bei unterschiedlichen Beschwerden wie Schmerzen, Erschöpfung oder depressiven Symptomen durchaus wirksam sein können.
Die Wissenschaftler hatten Daten von mehr als 4600 Patienten aus 60 Studien ausgewertet und die Ergebnisse im Fachjournal »Scientific Reports«, veröffentlicht. Der positive Effekt war tendenziell größer, wenn die Patienten zuvor umfassend über die möglichen Wirkungen von Placebos informiert worden waren. Allerdings: Die Effekte waren deutlich vorhanden bei Beschwerden, die subjektiv eingeschätzt werden. Bei objektiv messbaren Parametern wie etwa Blutwerten, Schlafdaten oder Lungenfunktion habe sich in den ausgewerteten Studien bislang kein signifikanter Effekt gezeigt, so die Autoren.
Warum der Placebo-Effekt auch offen wirkt, ist noch nicht ganz verstanden. Wahrscheinlich spielt auch hier die Erwartungshaltung der Patienten eine Rolle: Sie wurden beispielsweise im Rahmen der Studie informiert, dass Placebos nachweislich positive Wirkungen erzielen können und das erzeugt bereits eine positive Erwartung an die Therapie. Diese beeinflusst dann die Wahrnehmung von Symptomen. Unstrittig ist auch, dass eine Behandlung an sich, also Gespräche in der Arztpraxis und der Apotheke, die damit verbundene Aufmerksamkeit und auch etwa die regelmäßige Einnahme einer Tablette, bereits eine therapeutische Wirkung hat.
Eine häufig gestellte Frage von Kunden ist, warum Placebos auch bei Tieren wirken – diese können ja höchstwahrscheinlich keine positive Erwartungshaltung an eine Behandlung haben. Studien legen nahe, dass bei Tieren Lerneffekte und Konditionierung eine Rolle spielen. Sie haben in der Vergangenheit etwa erfahren, dass die Gabe eines Medikaments mit einer Besserung verbunden ist – das löst dann auch bei Gabe eines Scheinmedikaments physiologische Reaktionen aus.
Auch die verstärkte Zuwendung durch die Besitzer wirkt beruhigend und kann Schmerzen und Stress lindern. Dazu kommt nicht zuletzt der sogenannte Placebo-by-proxy-Effekt: Die Beschwerden des Tieres verändern sich gar nicht, sondern die Wahrnehmung des Tierhalters. Dieser hat den Wunsch, dass es dem Tier besser geht – und bewertet Verhalten und Aktivität des Tieres nach einer Therapie häufig positiver, obwohl sich objektiv nichts geändert hat.