| Sven Siebenand |
| 12.10.2026 08:00 Uhr |
Anfang Oktober kamen gleich fünf neue Wirkstoffe auf den deutschen Markt. / © Getty Images/SLD
Beim Rett-Syndrom handelt es sich um eine Erkrankung, die die Entwicklung des Gehirns beeinflusst. Es tritt hauptsächlich bei Mädchen und Frauen auf und führt zu einer geistigen Behinderung sowie zum Verlust von Sprache und zuvor erlernten Fähigkeiten im Alter von 6 bis 18 Monaten. Zu den verhaltensneurologischen Symptomen beim Rett-Syndrom gehören repetitive Handbewegungen, Unruhe, allgemeine Stimmungsprobleme, Angstzustände sowie Schlaf- und Kommunikationsprobleme.
Der neue Wirkstoff Trofinetid (Daybu® 200 mg/ml Lösung zum Einnehmen, Acadia Pharmaceuticals) wird angewendet zur Behandlung neurologisch bedingter Verhaltenssymptome des Rett-Syndroms bei Patienten ab fünf Jahren. Daybu ist zum Einnehmen oder zur Verabreichung über eine Ernährungssonde bestimmt.
Den genauen Wirkmechanismus von Trofinetid beim Rett-Syndrom kennt man noch nicht ganz genau. Der insulinähnliche Wachstumsfaktor 1 (IGF-1) ist ein Hormon, das für die normale Entwicklung und das Funktionieren des Nervensystems wichtig ist. Beim Rett-Syndrom ist die IGF-1-Konzentration im Gehirn niedriger als normal, was sich vermutlich auf die Nervenfunktion auswirkt. Trofinetid ist ein synthetisches Analogon des N-terminalen Tripeptids von IGF-1 und könnte dem IGF-1-Mangel so entgegentreten.
Trofinetid wird zweimal täglich morgens und abends abhängig vom Körpergewicht des Patienten angewendet. In der Fachinformation finden sich Details zur empfohlenen Dosierung. Zudem sind dort auch Empfehlungen zur Dosierung bei mittelschwerer Nierenfunktionsstörung zu finden; bei schwerer Nierenfunktionsstörung wird die Gabe nicht empfohlen.
Sehr häufig kommt es unter Trofinetid zu Durchfall, Erbrechen und Gewichtsverlust. Warnhinweise in der Fachinformation gehen darauf näher ein. Frauen im gebärfähigen Alter sollten angewiesen werden, während der Behandlung eine zuverlässige Verhütungsmethode anzuwenden. Die Anwendung von Trofinetid während der Schwangerschaft oder bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Es ist nicht bekannt, ob Trofinetid in die Muttermilch übergeht. Ein Risiko für das Neugeborene/Kind kann nicht ausgeschlossen werden. Daybu ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.
Mit Tolebrutinib (Cenrifki® 60 mg Filmtabletten, Sanofi) gibt es erstmals einen Vertreter aus der Klasse der Brutonkinase-Hemmer in der Indikation Multiple Sklerose. Zugelassen ist der Wirkstoff zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit sekundär progredienter Multipler Sklerose (SPMS) ohne Schübe in den vergangenen zwei Jahren.
Das Enzym Bruton-Tyrosinkinase (BTK) ist wichtig für das Wachstum von B-Zellen. Bei MS spielen diese Immunzellen eine Schlüsselrolle bei der Förderung von Entzündungen im zentralen Nervensystem, indem sie Immunreaktionen aktivieren und Stoffe produzieren, die die Nervenzellen und ihre schützende Myelinhülle schädigen.
Tolebrutinib hemmt das Enzym und reduziert damit die Aktivierung von B-Zellen. Hinzu kommt, dass BTK an der Aktivität von Mikroglia und Makrophagen beteiligt ist. Diese tragen bei MS zu chronischen Entzündungen und Schäden bei. Der Kinasehemmer kann durch seinen Wirkmechanismus Entzündungsprozesse reduzieren und das Fortschreiten von MS bremsen. Die empfohlene Dosis beträgt 60 mg einmal täglich. PTA und Apotheker sollten dazu raten, die Filmtabletten zu einer Mahlzeit einzunehmen.
In der Fachinformation von Cenrifki nehmen Sicherheitsmaßnahmen zur Minderung des Risikos eines Leberschadens breiten Raum ein: Um das Risiko eines erheblichen oder irreversiblen arzneimittelbedingten Leberschadens zu minimieren, sind Bluttests auf die Leberenzyme ALT, AST und alkalische Phosphatase sowie auf Bilirubin vor Beginn der Behandlung, in den ersten zwölf Wochen der Behandlung wöchentlich und in den Monaten vier bis zwölf monatlich durchzuführen. Zwischen dem 12. und 24. Monat sind sechsmonatige Kontrollen durchzuführen. Anschließend können regelmäßige Kontrollen bei Bedarf erfolgen. Gegebenenfalls muss die Therapie unterbrochen oder beendet werden.
Kontraindiziert ist Tolebrutinib bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Leberfunktionsstörung. Ebenfalls tabu ist der Wirkstoff bei Patienten mit einem Serumwert vor Therapiebeginn von ALT oder AST von mehr als dem 1,5-Fachen der oberen Normgrenze (ULN), der alkalischen Phosphatase von mehr als dem 2-Fachen der ULN (es sei denn, dies ist auf eine stabile chronische Lebererkrankung zurückzuführen) oder des Gesamtbilirubins von mehr als dem 1,5-Fachen der ULN (es sei denn, dies ist auf das Gilbert-Syndrom oder eine nicht leberbezogene Erkrankung zurückzuführen). Ebenfalls kontraindiziert ist die Gabe bei Patienten mit schwerer Immundefizienz.
Sehr häufig kommt es unter Tolebrutinib zu Infektionen der oberen Atemwege, häufig sind Infektionen der unteren Atemwege und der Lunge. Warnhinweise in der Fachinformation klären darüber auf, dass Tolebrutinib dazu führen kann, dass Patienten anfälliger für Infektionen sind. Patienten mit aktiven akuten oder chronischen Infektionen dürfen die Behandlung erst beginnen, wenn die Infektion abgeklungen ist.
Bei der gleichzeitigen Anwendung anderer immunsuppressiver Arzneimittel mit Tolebrutinib ist Vorsicht geboten. Und die Anwendung von (attenuierten) Lebendimpfstoffen kann ein Infektionsrisiko bergen und muss daher vermieden werden. Falls diese Impfungen erforderlich sind, sollten sie mindestens zwei Monate vor Beginn der Behandlung mit Tolebrutinib verabreicht werden.
Einen anderen Warnhinweis gibt es zu Hämorrhagien unter Tolebrutinib-Therapie. Die am häufigsten berichteten Blutungsereignisse waren mukokutane Manifestationen, einschließlich Petechien, Kontusionen, erhöhte Neigung zu blauen Flecken und starke Menstruationsblutungen. Aufgrund des Risikos von Blutungsereignissen ist Vorsicht geboten bei der gleichzeitigen Anwendung von Tolebrutinib mit Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern.
Auch in Sachen Wechselwirkungen ist einiges zu beachten: Als Vorsichtsmaßnahme sollte die gleichzeitige Anwendung von moderaten oder starken CYP2C8-Inhibitoren mit dem BTK-Inhibitor vermieden werden. Ebenso sollte auf die gleichzeitige Anwendung von Tolebrutinib mit moderaten oder starken CYP3A/2C8-Induktoren verzichtet werden.
Eine Anwendung des neuen Medikaments bei Schwangeren und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob die Behandlung aus-/abgesetzt werden soll.
Der Wirkstoff Rilzabrutinib (Wayrilz® 400 mg Filmtabletten, Sanofi) ist der zweite neue BTK-Hemmer im Monat Oktober. Sein Einsatzgebiet ist die Behandlung der Immunthrombozytopenie (ITP) bei erwachsenen Patienten, die gegenüber anderen Behandlungen refraktär sind. Die ITP ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Autoantikörper Thrombozyten im Blut zerstören. Zudem ist die Produktion der Blutplättchen gestört. Das Blutungsrisiko ist bei Betroffenen dadurch deutlich erhöht. Rilzabrutinib verringert bei ITP die Produktion pathogener Autoantikörper und reduziert zudem die Makrophagen-vermittelte Zerstörung von Blutplättchen. Damit hat der neue Wirkstoff einen dualen Wirkmechanismus bei der seltenen Autoimmunerkrankung.
Die empfohlene Dosierung beträgt 400 mg zweimal täglich. Für Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Leberfunktionsstörung wird Rilzabrutinib nicht empfohlen. Die Behandlung mit dem Kinasehemmer sollte nach zwölfwöchiger Therapie abgebrochen werden, wenn die Thrombozytenzahl nicht auf ein Niveau ansteigt, das ausreicht, um klinisch bedeutsame Blutungen zu vermeiden.
Auch bei diesem Wirkstoff gibt es in Sachen Wechselwirkungen etwas zu beachten: So ist die gleichzeitige Anwendung von mäßig starken oder starken CYP3A4-Inhibitoren sowie -Induktoren und Rilzabrutinib zu vermeiden. Ebenso soll der neue Wirkstoff nicht mit einem Protonenpumpen-Inhibitor (PPI) kombiniert werden.
Sehr häufige Nebenwirkungen sind Durchfall, Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Nasopharyngitis und Arthralgie. Da schwerwiegende Infektionen während klinischer Studien berichtet wurden, sind Patienten auf Anzeichen und Symptome einer Infektion zu überwachen.
Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung mit Rilzabrutinib und für einen Monat nach Beendigung der Behandlung eine hochwirksame Verhütungsmethode anwenden. In der Fachinformation heißt es ferner: Die Wirkung von Rilzabrutinib auf die Plasmakonzentrationen hormoneller Kontrazeptiva ist nicht bekannt. Daher sollten Frauen im gebärfähigen Alter während der Behandlung und für mindestens einen Monat nach Absetzen von Rilzabrutinib eine alternative nicht hormonelle oder zusätzliche hochwirksame Verhütungsmethode anwenden.
Vor Beginn einer Behandlung ist bei Frauen im gebärfähigen Alter der Schwangerschaftsstatus zu überprüfen. Rilzabrutinib sollte während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Empfängnisverhütung verwenden, nicht angewendet werden. Während der Stillzeit wird empfohlen, den neuen Wirkstoff nur dann anzuwenden, wenn der mögliche Nutzen für die Mutter die möglichen Risiken, auch für das gestillte Kind, überwiegt.
Mit Sugemalimab (Cejemly® 600 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, CStone Pharmaceuticals Ireland) kam ein neues Krebsmedikament auf den deutschen Markt. Der Wirkstoff gehört zur Klasse der Checkpoint-Inhibitoren. Sugemalimab ist ein weiterer Wirkstoff, der sich gegen PD-L1 (Programmed-Cell-Death-Ligand-1) auf Krebszellen richtet. Der entsprechende Rezeptor, PD-1, wird auf Immunzellen exprimiert. Da die Aktivierung von PD-1 das Immunsystem herunterreguliert, wird durch die Blockade der Interaktion zwischen PD-1 und PD-L1 die T-Zell-Antwort gegen die Krebszellen verstärkt.
Zugelassen ist Sugemalimab in Kombination mit einer platinbasierten Chemotherapie als Erstlinienbehandlung von Erwachsenen mit metastasiertem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) ohne sensibilisierende EGFR-Mutationen oder genomische ALK-, ROS1- oder RET-Tumoraberrationen.
Zudem ist der Antikörper als Monotherapie indiziert zur Behandlung des nicht resezierbaren NSCLC im Stadium III ohne sensibilisierende EGFR-Mutationen oder ALK-, ROS1-genomische Tumoraberrationen bei Erwachsenen, deren Tumoren PD-L1 auf ≥ 1 Prozent der Tumorzellen exprimieren und deren Erkrankung nach platinbasierter Radiochemotherapie nicht fortgeschritten ist.
Sugemalimab wird einmal alle drei Wochen als Tropfinfusion in die Vene verabreicht. In der Fachinformation finden sich für die verschiedenen Therapiesituationen Hinweise zur Dosierung. Die Behandlung kann so lange fortgesetzt werden, wie sie wirkt. Der Arzt kann die Behandlung unterbrechen oder absetzen, sollten bestimmte Nebenwirkungen auftreten.
Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen ist leider sehr breit. Sehr häufig kommt es zum Beispiel zu erhöhten Leberenzymen, Anämie, Ausschlag, Hyperlipidämie, Proteinurie und Hyperglykämie. Die Fachinformation klärt auch über mögliche immunvermittelte unerwünschte Wirkungen auf. Zudem wird darin informiert, dass vor Beginn der Behandlung mit Sugemalimab die Anwendung von systemischen Corticoiden oder Immunsuppressiva zu vermeiden ist, da sie die pharmakodynamische Aktivität und Wirksamkeit des Arzneistoffs beeinträchtigen können. Nach Beginn der Behandlung mit dem Antikörper können sie aber zur Behandlung immunbedingter Nebenwirkungen eingesetzt werden.
Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und für mindestens vier Monate nach der letzten Dosis eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Der Antikörper wird bei Schwangeren und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die keine zuverlässige Empfängnisverhütung anwenden, nicht empfohlen. Bei Stillenden ist eine Entscheidung darüber zu treffen, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung mit Sugemalimab verzichtet werden soll. Cejemly ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.
Mit TrenibotulinumtoxinE (Boey® 1400 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, Abbvie) ist ein neues Botulinumtoxin auf dem deutschen Markt. Es ist indiziert für die vorübergehende Verbesserung des Aussehens von moderaten bis starken Falten zwischen den Augenbrauen, sichtbar bei maximalem Stirnrunzeln (Glabellafalten), wenn diese bei erwachsenen Patienten eine erhebliche psychologische Belastung darstellen. Die Anwendung darf nur durch entsprechend qualifizierte und erfahrene Ärzte erfolgen.
Das Toxin reduziert die Freisetzung von Acetylcholin. Dieser Botenstoff führt dazu, dass sich die Muskeln zusammenziehen. Das neue Mittel wird direkt über und zwischen den Augenbrauen gespritzt, sodass sich die Muskeln entspannen, was dazu beiträgt, dass die vertikalen Falten weniger ausgeprägt sind. Boey hat eine früh einsetzende Wirkung und eine kurze Wirkdauer.
TrenibotulinumtoxinE darf nicht angewendet werden bei Personen mit generalisierten Störungen der Muskelaktivität, beispielsweise Myasthenia gravis oder Lambert-Eaton-Syndrom, sowie bei Patienten mit einer Infektion oder Entzündung an der vorgesehenen Injektionsstelle. Während Schwangerschaft und Stillzeit wird die Anwendung nicht empfohlen.
Als mögliche Nebenwirkungen können ein vorübergehendes Herabhängen des Augenlids und der Augenbraue auftreten. Noch seltener kommt es zum sogenannten Mephisto-Effekt, einer unerwünschten seitlichen Anhebung der Augenbrauen. Breitet sich die Toxinwirkung über den Injektionsbereich hinaus aus, sind außerdem Muskelschwäche sowie Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen möglich. Solche Beschwerden erfordern unverzüglich medizinische Hilfe.
Eine übermäßige Schwäche kann durch die Verabreichung eines Muskelrelaxans vor oder nach der Verabreichung von Botulinumtoxinen, einschließlich TrenibotulinumtoxinE, verstärkt werden. Die Wirkung von TrenibotulinumtoxinE kann durch Aminoglykosid-Antibiotika oder andere Arzneimittel, die auf die neuromuskuläre Reizleitung wirken, verstärkt werden. Boey ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.