| Isabel Weinert |
| 26.08.2026 16:00 Uhr |
Bei Schulterschmerzen spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Meistens vergehen sie von selbst wieder. / © Getty Images/Westend61
Zu dieser Erkenntnis gelangten Forschende der Monash University, Melbourne, Australien, wie sie in JAMA Internal Medicine berichten. Ihre Übersicht bietet Hausärzten und Physiotherapeuten einen aktualisierten Fahrplan zur Behandlung von Schulterschmerzen, so eine Pressemitteilung der Universität. Die Patienten profitierten in den meisten Fällen mehr von einer einfachen, unterstützenden Versorgung anstelle unnötiger Scans und operativer Eingriffe.
Bildgebende Verfahren zeigen zwar den inneren Zustand der Schulter, der jedoch korreliert in den meisten Fällen gar nicht mit der Symptomatik der Patienten. Das heißt, eine auf einem Scan schlimm aussehende Schulter bereitet womöglich so gut wie keine Beschwerden, eine, die weitestgehend intakt aussieht, hingegen erhebliche. Deshalb ziehen bildgebende Verfahren oft entweder die falschen therapeutischen Schlüsse und Überdiagnostik nach sich oder gar keine.
Die Forschenden plädieren dafür, die Symptome und die Vorgeschichte des Patienten zu verstehen und schwerwiegende Ursachen wie Infektionen, Tumoren und gebrochene Knochen auszuschließen. Dr. Romi Haas, Research Fellow an der zur Monash University gehörenden School of Public Health and Preventive Medicine, in der Pressemitteilung: »Der traditionelle Ansatz bestand darin, nach einem strukturellen Fehler zu suchen, indem man die Schulter scannt, in der Annahme, dass man die Schmerzquelle identifizieren kann, um sie zu beheben. Weltweite Belege zeigen jedoch, dass diese Erkenntnisse oft nur normale Anzeichen des Alterns sind, ähnlich wie graue Haare oder Falten. Unbegründete Bildgebung kann die Schmerzen einer Person fälschlicherweise auf diese normalen altersbedingten Veränderungen zurückführen, was zu unnötiger Sorge, Überdiagnose und Behandlungen führt, die sie nicht benötigen. Wichtig ist, dass frühe Scans die langfristige Genesung nicht verbessern.«
Auch die Chirurgie bringt im Wesentlichen keine Vorteile für Menschen mit Schulterschmerzen, wie Co-Autor Dr. Thomas Ibounig, Schulter- und Ellbogenchirurg am Universitätskrankenhaus Helsinki in Finnland, zusammenfasst: »Hochwertige Evidenz hat gezeigt, dass eine übliche Schulteroperation, bei der Knochen und Gewebe entfernt werden, um mehr Platz für die Sehnen zu schaffen, keinen nennenswerten Vorteil gegenüber einem Dummy-Eingriff bietet, bei dem Schnitte noch in die Patienten gesetzt werden, aber nichts repariert wird.« Das sei eine Erinnerung daran, dass Schmerz nicht immer durch anatomische oder strukturelle Probleme verursacht werde, die sich einfach mit einer Operation beheben ließen.
Für all das spricht auch die Tatsache, dass Schulterschmerzen in einem großen Teil der Fälle von selbst wieder nach einiger Zeit verschwinden, wobei eine entzündungshemmende Therapie mit nicht steroidalen Antirheumatika zusätzlich sinnvoll sein kann. Wichtiger als Scans, Operationen oder Glucocorticoid-Spritzen seien für die Patienten ein adäquates Wissen über ihre Schulterbeschwerden, die Fähigkeit zum Selbstmanagement sowie schlicht der Faktor Zeit.