| Juliane Brüggen |
| 11.09.2026 16:00 Uhr |
Die Apotheke ist bei der Beratung zu Einnahme und Selbstmedikation eine wichtige Anlaufstelle. / © Getty Images/Tom Werner
Die Krebstherapie hat sich gewandelt. Zum einen hat nimmt die Zahl der zielgerichteten Therapien zugenommen, zum anderen sind viele der Medikamente inzwischen oral verfügbar, etwa als Tabletten oder Kapseln. Dabei lassen sich vier Kategorien unterscheiden:
In die erste Kategorie fallen klassische Zytostatika wie Alkylanzien, Antimetabolite, Mitose- und Topoisomerase-Hemmstoffe. Diese haben schnell teilende Zellen im Visier, was sowohl Tumorzellen als auch gesunde Zellen trifft. Typische Nebenwirkungen sind Schleimhautentzündungen, Haarausfall und die verminderte Bildung von Blutzellen. Wirkstoffbeispiele sind Capecitabin, Melphalan und Hydroxycarbamid.
Zu den Immunmodulatoren gehören die Arzneistoffe Lenalidomid, Pomalidomid und Thalidomid. Sie werden unter anderem zur Therapie des multiplen Myeloms eingesetzt. Als Nebenwirkungen treten oft Müdigkeit, Blutbildstörungen und eine erhöhte Thromboseneigung auf.
Bekannte Vertreter der antihormonellen Therapie sind Tamoxifen und Aromatasehemmer wie Letrozol, die bei Brustkrebs eingesetzt werden. Aber auch Antiandrogene wie Apalutamid und der CYP-17-Inhibitor Abirateron fallen darunter. Hier stehen wechseljahresähnliche Nebenwirkungen im Vordergrund, zum Beispiel Hitzewallungen oder Gelenkschmerzen.
Auch viele zielgerichtete Therapien sind oral verfügbar, unter anderem Proteinkinaseinhibitoren, PARP-Inhibitoren und Proteasom-Hemmstoffe. »Zielgerichtet« heißt, dass die Arzneistoffe anders als klassische Chemotherapien ein tumoreigenes Target haben und beispielsweise bestimmte Signalwege blockieren. Den größten Anteil machen Kinaseinhibitoren aus, etwa Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Lapatinib oder CDK4/6-Hemmer wie Ribociclib. Hemmt ein Wirkstoff mehrere Enzyme, spricht man von Multikinasehemmern, ein Beispiel ist Sorafenib. Ob eine zielgerichtete Therapie infrage kommt, ist oftmals abhängig von den genetischen Eigenschaften des Tumors. Zielgerichtet heißt aber nicht nebenwirkungsfrei: Häufig treten beispielsweise Hautreaktionen, Müdigkeit und Magen-Darm-Beschwerden auf.
Die orale Therapie verlangt ein hohes Maß an Eigenverantwortung – von Adhärenz und Besonderheiten bei der Einnahme bis hin zum Management von Nebenwirkungen. Deshalb sollte die Apotheke eine kompetente Anlaufstelle darstellen und das Team mit dem Thema vertraut sein. »Es gibt viele Besonderheiten – von ungewöhnlichen Dosierungen bis hin zu besonderen Nebenwirkungen – und es ist einfach unmöglich, alles auf dem Schirm zu haben«, sagt Alena Härtel, Apothekerin für Onkologische Pharmazie und Chefredakteurin der Zeitschrift »Onkologische Pharmazie«, im Interview mit PTA-Forum. Wichtig seien daher Fort- und Weiterbildungen im Bereich Onkologische Pharmazie, etwa bei den Apothekerkammern oder der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP). »Regelmäßige Schulungen, zum Beispiel immer dann, wenn neue Wirkstoffe in der Apotheke vorkommen, sind unumgänglich.«
»Darüber hinaus ist es von enormer Bedeutung zu wissen, wie und wo man sich schnell informieren kann«, ergänzt Härtel und verweist auf die kostenfreien Materialien des Kompetenz- und Beratungszentrums AMBORA, die in das Gespräch einfließen und Patientinnen und Patienten mitgegeben werden können. Ein weiterer Tipp der Expertin: Über »krebsinformationsdienst.med«, ein Angebot für Fachkreise, lassen sich besonders gut spezielle Patientenfragen klären.
Wichtig ist nicht zuletzt, die eigenen Grenzen zu kennen: »Im Allgemeinen sollten PTA bei oralen Krebsmedikamenten sensibilisiert sein und ihre Grenzen kennen, das heißt im Zweifel den Apotheker dazuholen.«
Einige relevante Informationsquellen im Überblick:
»In der Apotheke ist ein QMS im Hinblick auf die Beratung von Tumorpatienten von großer Bedeutung«, sagt Härtel. »Es ist enorm wichtig, dass das gesamte Team einen strukturierten Plan hat, gegebenenfalls mit Checkliste, und diesen vom Erstkontakt bis zur Abgabe durchläuft beziehungsweise abarbeitet.« Und weiter: »Routine ist entscheidend: Je mehr solcher Beratungen durchgeführt werden, desto sicherer wird der Beratende.«
Ein Teil des Prozesses kann das Angebot der pharmazeutischen Dienstleistung (pDL) zur Betreuung bei oraler Antitumortherapie sein, die von qualifizierten Apothekerinnen und Apothekern durchgeführt wird. Sie besteht aus zwei Teilen: einer erweiterten Medikationsberatung »unter Berücksichtigung der Besonderheiten der oralen Antitumortherapie« und einem »semistrukturierten Folgegespräch«, das zwei bis sechs Monate später stattfindet. Arbeitsmaterialien, Leitfäden, Checklisten und Vorlagen stellt die Bundesapothekerkammer (BAK) zur Verfügung. Die Gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten
»Bei der pDL können PTA eingebunden werden, wenn sie wissen, wer anspruchsberechtigt ist und dieses beim Kundenkontakt erkennen«, sagt Härtel. Es gilt, aktiv ein Angebot zu machen und wenn möglich direkt einen Termin zu vereinbaren. »PTA können dem Apotheker sozusagen zuarbeiten. Am Ende ist es eine Teamleistung, wenn der Kunde sich gut betreut fühlt.«
Und was ist speziell bei der Beratung zu Tumortherapeutika zu beachten? »Eine solche Beratung unterscheidet sich von der ›üblichen‹ vor allem dadurch, dass sie Zeit braucht und nicht zwischen Tür und Angel durchgeführt werden kann«, betont Härtel, vor allem, wenn es sich um einen Erstkontakt handelt. Dann ist es ihr zufolge wichtig, direkt relevante Informationen zu erfassen, etwa, ob es sich um eine Erstverordnung handelt, wie die verordnete Dosierung lautet, ob weitere Medikamente oder Präparate eingenommen werden und – wenn es eine Wiederholungsverordnung ist – ob und welche Beschwerden vorliegen. Hilfreich könne zudem die Diagnose oder eine Kopie des Medikationsplans sein.
Ein Zeitfenster, in dem die beratende Person sich informieren, Rücksprache mit Kollegen halten und Materialien bereitlegen kann, schafft meist der Bestellvorgang. »Eine gute Vorbereitung ist das A und O«, so Härtel. Das Gespräch selbst kann dann strukturiert ablaufen.
Gut für die Adhärenz ist laut Härtel, wenn der Patient genau weiß, warum das Medikament verordnet wurde, wie es wirkt und warum es wichtig ist, die genauen Einnahmehinweise einzuhalten. Hintergrund des letzteren Punkts ist, dass sich bei einigen Wirkstoffen die Bioverfügbarkeit ändern kann, je nachdem, ob sie mit oder ohne Nahrung eingenommen werden, was eine erhöhte Toxizität oder verminderte Wirkung zur Folge haben kann. Vorsicht ist mitunter auch bei einer viel fetthaltigeren Mahlzeit als üblich geboten. Die Präparate sollten deshalb – entsprechend der Fachinformation – möglichst immer zur gleichen Zeit und auf die gleiche Art und Weise eingenommen werden.
Für die Beratung bei oralen Tumortherapeutika können außerdem folgende Aspekte relevant sein:
»Eine strukturierte Gesprächsführung, Empathie und keine Angstmacherei sind essenziell«, so Härtel. Hilfreich sind die von AMBORA bereitgestellten Merkblätter zu Arzneimitteln, Nebenwirkungen und vielen weiteren Themen.
Quelle: Gesprächsleitfaden der BAK zur pDL »Orale Tumortherapie«
Die Nebenwirkungen können sich je nach Medikament unterscheiden; oft handelt es sich um Kombinationstherapien. Häufig treten etwa Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall oder Übelkeit, Schleimhautveränderungen wie Mukositis oder Stomatitis, Fatigue und Hauttoxizitäten wie Exanthem, trockene Haut oder Hand-Fuß-Mund-Syndrom auf. Auch Schmerzen, menopausale Symptome und Schlafstörungen sind je nach Arzneimittel möglich.
Einige Wirkstoffe beeinflussen das Herz beziehungsweise das Herz-Kreislauf-System: Es kann etwa zu QT-Zeit-Verlängerungen und Rhythmusstörungen kommen. Typisch für VEGF-gerichtete Therapien ist eine Blutdruckerhöhung. Metabolische Nebenwirkungen äußern sich zum Beispiel durch einen erhöhten Blutzucker, wie bei mTOR-Inhibitoren, oder ein verändertes Lipidprofil.
Potenziell kritisch sind Blutbildveränderungen wie Neutropenien, zum Beispiel bei CDK4/6-Inhibitoren, da sie das Risiko für schwere Infektionen erhöhen. Auch Thromboembolien und eine medikamentös induzierte interstitielle Lungenerkrankung (ILD) können gefährlich werden. Daher ist es wichtig, in der Beratung auf »Red Flags« des jeweiligen Arzneimittels zu achten.
In der Regel erhalten Patienten durch das Behandlungsteam Anweisungen zum Umgang mit Nebenwirkungen und bei Bedarf eine verordnete Supportivtherapie. Sie sollten wissen, wann eine ärztliche Rücksprache erforderlich ist, und die Kontaktdaten, auch für den Notfall, griffbereit haben. Bei Beschwerden ist aber oft die Apotheke eine Anlaufstelle. Härtel: »Ich rate immer, sich auf die belastendste Nebenwirkung zu fokussieren, also zu erfragen, was im Vordergrund steht.« Eine Hilfe sind die oben genannten Nebenwirkungsmerkblätter: »Es ist immer schön, mit Handzetteln zu arbeiten und dem Kunden zu zeigen, was er selbst bei leichten Beschwerden tun kann, was auch vorbeugend sinnvoll ist und zu erklären, wann die Grenzen der Selbstmedikation erreicht sind«, so Härtel – etwa bei nächtlichem Durchfall. »In diesem Fall sollte notfallmäßig der behandelnde Arzt kontaktiert werden.« Um die Grenzen zu ermitteln, sind Fragen nach Schweregrad, Begleit- und Warnsymptomen (siehe Kasten) unerlässlich.
Zu bedenken ist laut Härtel, dass hinter den Symptomen auch andere Ursachen stecken können. Ein Blick in die Fachinformation zeigt beispielsweise, ob die Nebenwirkung dort gelistet ist. Auslöser können auch andere Arzneimittel sein, bei Durchfall zum Beispiel Antibiotika, nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Laxanzien, neue Wechselwirkungen oder auch Änderungen im Einnahmeverhalten. Nicht zuletzt kann die beratende Person erfragen, ob Probleme bei der verordneten Supportivtherapie bestehen und die Anwendung oder Unterscheidung von Begleit- und/oder Bedarfsmedikation klar ist. Generell sollten Patienten wissen, dass Nebenwirkungen häufig behandelbar sind, dabei jedoch die frühzeitige Information des Behandlungsteams entscheidend ist.
Bei einem der folgenden Symptome sollten Patienten sich direkt an ihren Arzt wenden:
Außerdem:
Quelle: Scherf-Clavel, Oliver; Orale Tumortherapie sicher begleiten, Pharmazeutische Zeitung (5/2026)
Eine wichtige Informationsquelle zur evidenzbasierten Therapie von Nebenwirkungen ist die S3-Leitlinie »Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen«. Den Schweregrad der Symptome ermitteln Ärzte meist mittels »Common Terminology Criteria for Adverse Events« (CTCAE). Es gibt fünf Grade: mild, mäßig, schwerwiegend, lebensbedrohlich und zum Tode führend. Während Grad 1 und 2 in der Regel ambulant behandelt werden können, ist ab Grad 3 eine Krankenhauseinweisung erforderlich.
Durchfall wird beispielsweise wie folgt eingeteilt, wobei Begleitsymptome separat erfasst werden:
Ob Durchfall als Nebenwirkung auftritt, ist nicht nur abhängig von den angewendeten Medikamenten, sondern auch von Komorbiditäten und individuellen Risikofaktoren wie hohem Lebensalter, Darmdysfunktion, Mangelernährung oder simultaner Radiotherapie des Bauch-Becken-Bereichs.
Bei unkomplizierten Diarrhöen (Grad 1 und 2) besteht die ärztlich angeordnete Therapie in der Regel aus Loperamid, oraler Hydratation und Ernährungsumstellung. Bessern sich die Symptome nicht innerhalb von 12 bis 24 Stunden, ist laut Leitlinie eine stationäre Einweisung empfohlen. Letzteres gilt auch für komplizierte Diarrhöen, die bei Grad 3 und 4 vorliegen, sowie bei Grad 1 oder 2 mit Begleitsymptomen wie Dehydratation, Erbrechen, Krämpfen und Fieber.
Wichtig: Anders als bei tumortherapiebedingter Übelkeit gibt es für Durchfall keinen belegten Nutzen einer standardmäßigen, medikamentösen Prophylaxe. Auch für Prä-, Pro- und Synbiotika gibt es keine spezifische Leitlinienempfehlung. Diese sollten nicht ohne Absprache mit dem Behandlungsteam genommen werden. Besondere Vorsicht ist bei immunsupprimierten Patienten geboten.
Beratungstipps bei Durchfall:
Auch Interaktionen können den Therapieerfolg gefährden und das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen. Eine strukturierte Medikationsanalyse, zum Beispiel als pDL, ist daher sinnvoll, vor allem, wenn fünf oder mehr Medikamente eingenommen werden. Darüber hinaus braucht es Aufmerksamkeit in der Beratung, vor allem bei OTC-Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln.
»Johanniskraut und Grapefruit sind typische Vertreter, die aufgrund ihrer CYP3A4-Interaktionen Wechselwirkungen verursachen«, berichtet Härtel. »Auch Folsäure – findet sich sogar in einigen Bonbons – ist ein Problem, da diese mit 5-FU-Derivaten wie Capecitabin oder Tegafur interagiert. Bei Arzneimitteln, die durch das Verursachen von oxidativem Stress in Tumorzellen wirken, müssen zudem Probleme mit hoch dosierten Radikalfängern wie Vitamin C beachtet werden.«
Einige mögliche Probleme im Überblick:
Die Apotheke ist eine wichtige Anlaufstelle für Krebspatientinnen und -patienten. Aufgrund der Vielzahl an Wirkstoffen und Besonderheiten ist es wichtig, dass das Apothekenteam Prozesse etabliert und fortgebildet ist. Wichtig ist nicht zuletzt, die relevanten Informationsquellen zu kennen.
Alena Härtel ist seit ihrer Approbation in der Post-Apotheke am Klinikum in Neustadt am Rübenberge als stellvertretende Filialleitung tätig. Nach Abschluss der Weiterbildung »Onkologische Pharmazie« ist sie in dieser Schwerpunktapotheke für die Betreuung von Krebspatienten zuständig. Seit 2020 engagiert sie sich für die DGOP (zum Beispiel AG Case Reports) und ist Autorin und Chefredakteurin der Fachzeitschrift »Onkologische Pharmazie«.