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Einschlafhilfe
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Melatonin häufig verharmlost

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das als Nahrungsergänzungsmittel sogar in Form von Gummibärchen angeboten wird. Warum die Anwendung nicht unbedacht erfolgen sollte.
AutorKontaktBarbara Döring
Datum 08.04.2026  08:00 Uhr

Als der US-amerikanische Dermatologe Aaron B. Lerner Farbänderungen der Haut von Amphibien untersuchte, isolierte er eine Substanz, die zur Aufhellung der Haut führt, und nannte sie Melatonin. Den Namen wählte er, weil das Hormon bei den Tieren die Aggregation des Hautfarbstoffs Melanin steuert und in seiner Struktur dem Serotonin ähnelt.

Vermutlich handelt es sich bei Melatonin um eine entwicklungsgeschichtlich sehr alte Substanz, da sie bereits bei Einzellern zu finden ist. Bei ihnen fungiert das Hormon wohl ausschließlich als Antioxidans. Beim Menschen wirkt es ebenfalls als Radikalfänger. Vor allem aber leitet es den Schlaf ein und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus.

Melatonin wird beim Menschen vorwiegend in der Zirbeldrüse (Epiphyse) im Gehirn fast ausschließlich nachts synthetisiert und im Rhythmus von etwa 24 Stunden (circadian) ausgeschüttet. Wenn es dunkel wird, steigt die Produktion und erreicht gegen drei Uhr morgens ein Maximum. Melatonin bindet an MT1- und MT2-Rezeptoren von wachhaltenden Neuronen und verringert deren Aktivität. Das sogenannte Schlafhormon führt so zu Müdigkeit und leitet die Schlafphase ein. Tageslicht, das über spezielle Photorezeptoren in der Netzhaut, den photosensitiven retinalen Ganglienzellen, in die Zirbeldrüse gelangt, hemmt die Melatonin-Synthese.

Verkürzte Einschlafzeit

Mit zunehmendem Alter nimmt die Produktion des Hormons ab, sodass der Schlaf beeinträchtigt sein kann. Für Menschen ab 55 Jahren ist synthetisch hergestelltes Melatonin als verschreibungspflichtiges Mittel zur zeitlich begrenzten Behandlung von Schlafstörungen, die nicht auf andere Erkrankungen zurückzuführen sind, zugelassen. Die Tagesdosis beträgt für diese Patienten in der Regel 2 mg pro Tag. Die Höchstdosis von 10 mg am Tag darf nicht überschritten werden.

Die Einnahme der Retard-Tabletten, die Melatonin über einige Stunden langsam freisetzen, erfolgt in der Regel ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen nach der letzten Mahlzeit. Die Anwendung ist auf einige Wochen begrenzt. Eine Zulassung besteht auch für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS oder der seltenen Erbkrankheit Smith-Magenis-Syndrom, die unter Schlafstörungen leiden.

Melatonin erfährt in Form von Nahrungsergänzungsmitteln in den letzten Jahren einen wahren Hype. Zahlreiche verschiedene Darreichungsformen, die das Einschlafen erleichtern sollen, sind frei verkäuflich auf dem Markt erhältlich. Die Dosierung liegt meist zwischen 0,5 und 1,5 mg/Tagesdosis. Produkte, die 1 mg Melatonin je angegebener Portion enthalten, dürfen den Health-Claim »Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen« tragen. Die positive Wirkung ist zu erwarten, wenn kurz vor dem Schlafengehen 1 mg Melatonin eingenommen wird. Maximal kann sich die Einschlafzeit um etwa 20 Minuten verkürzen.

Viele der Produkte wirken eher wie harmlose Süßigkeiten, etwa Melatonin-haltige Gummibärchen für Kinder. Das BfR weist jedoch darauf hin, dass bei einem Teil dieser NEM, etwa in Form von Sprays, Kapseln, Tropfen, Pulver oder Weichgummis, die empfohlene Tagesdosis an Melatonin die übliche Dosierung zugelassener Melatonin-Arzneimittel überschreitet. Eine gesetzliche Höchstmenge für den Gehalt von Melatonin gibt es nicht, sodass manche NEM höher dosiert sind als verschreibungspflichtige Melatonin-Arzneimittel.

Risiken oft unbekannt

Wie der BfR-Monitor, eine Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) im Jahr 2024, ergab, ist 56 Prozent der Menschen in Deutschland bekannt, dass es Melatonin-haltige NEM gibt. Nicht allen ist jedoch bewusst, dass von der Einnahme Risiken ausgehen können. Nur die Hälfte der Befragten äußerte Bedenken. Vor allem die Langzeitanwendung ist bislang unzureichend untersucht. 

Zu den möglichen unerwünschten Wirkungen einer Melatonin-Einnahme zählen ausgeprägte Tagesmüdigkeit, verringerte Aufmerksamkeit oder verlängerte Reaktionszeiten. Das kann das Unfallrisiko erhöhen. Auch Kopfschmerzen, Blutdruckabfall, eine Reduktion der Körpertemperatur, Albträume, Kraftlosigkeit und Gangunsicherheit sind als mögliche Nebenwirkungen bekannt. Darüber hinaus beeinflusst Melatonin den Blutzuckerspiegel, sodass ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes diskutiert wird.

Mögliches Herzrisiko

Eine Auswertung von Gesundheitsdaten von mehr als 130.000 Erwachsenen mit Schlaflosigkeit, die mindestens ein Jahr lang Melatonin eingenommen hatten, zeigte ein um 90 Prozent erhöhtes Risiko für eine Herzinsuffizienz über die beobachtete Zeit von fünf Jahren im Vergleich zu Personen, die kein Melatonin eingenommen hatten. Auch Patienten, die in den letzten 90 Tagen mindestens zwei Melatonin-Verschreibungen erhalten hatten, zeigten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Herzschwäche (82 Prozent).

Die Studie beweist zwar keinen kausalen Zusammenhang, gibt jedoch Anlass zu Sicherheitsbedenken im Hinblick auf die Verwendung von Melatonin. Der Studienleiter weist ebenfalls darauf hin, dass Melatonin-Supplemente weniger harmlos sein könnten als häufig angenommen und nicht dauerhaft ohne sichere Indikation angewendet werden sollten.

Zu beachten sind bei der Einnahme von Melatonin zudem mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten wie Antikoagulanzien oder Estrogen. Zudem könnten Laborwerte zur Blutgerinnung beeinflusst werden.

Grundsätzlich sollte laut BfR die Einnahme von Melatonin-haltigen NEM als Einschlafhilfe mit Vorsicht betrachtet werden. Von der Einnahme absehen sollten Patienten mit bestimmten Grunderkrankungen sowie Frauen mit Kinderwunsch, in der Schwangerschaft oder Stillzeit.  Anwender sollten nach der Einnahme keine Maschinen bedienen oder Auto fahren.

Vorsicht bei Kindern

Für Kinder und Jugendliche ist Melatonin ohne ärztliche Verordnung nicht geeignet, auch nicht, wenn es in Form von Gummibärchen angeboten wird. Es könnte den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringen. Zudem ist nicht auszuschließen, dass Melatonin den Eintritt der Pubertät beeinflussen könnte.

Für einen gesunden Schlaf plädieren Experten zunächst für eine gute Schlafhygiene, zu der auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Smartphone, Laptop und Tablet am Abend zählt. Studien zeigen, dass vor allem das im blauen Lichtspektrum um 450 Nanometer emittierte Licht durch Hemmung der Melatonin-Produktion das Einschlafen erschwert. Dabei wird nicht nur die abendliche Schläfrigkeit beeinflusst, sondern die Schlafphysiologie insgesamt und die Aufmerksamkeit am Morgen. Die Verwendung eines Blaulichtfilters kann die Auswirkungen zumindest abmildern.

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