Der Fall, dass ein Mensch durch Demenz »verloren geht«, betrifft bereits heute viele Familien. / © Getty Images/lucigerma
Uneindeutiger Verlust, das klingt irgendwie sperrig. Gemeint ist: Es fehlt das Klare, Eindeutige. Stirbt ein Mensch, trauern wir. Die Situation ist dann eindeutig: Ein Kind, Partner oder Elternteil ist nicht mehr da, wir vermissen ihn oder sie, müssen uns mit dem Verlust abfinden und Abschied nehmen.
Bei einem uneindeutigen Verlust dagegen ist die Lage unklar. Die amerikanische Professorin Pauline Boss entwickelte das Konzept des »Ambiguous loss« in den 1970er-Jahren und unterschied zwei Formen.
Der Fall, dass ein Mensch durch Demenz »verloren geht«, betrifft bereits heute viele Familien. Traurigkeit, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, körperliche Symptome - die Begleiterscheinungen eines uneindeutigen Verlustes können denen nach einem Todesfall ähneln. Aber was im Trauerprozess bei einem eindeutigen Verlust hilft, greift hier nicht wirklich. Wie also geht man gut mit so einem uneindeutigen Verlust um?
»Der Unterschied ist: Wir haben keine Gewissheit. Der Abschied, um den es beim klassischen Trauerprozess geht, bleibt letztlich aus«, sagt Professorin Anette Kersting. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Beim uneindeutigen Verlust gehe es vielmehr darum, mit der Widersprüchlichkeit leben zu lernen.
»Man kann an manchen Tagen hoffnungsvoll sein, weil die Krankheit vielleicht stagniert, und an anderen Tagen resignieren«, sagt Anette Kersting. Denn selbst gegen alle Wahrscheinlichkeiten gebe es bei Erkrankungen immer noch Hoffnung. Das sei auch gut so. »Ich glaube, dass man ohne Hoffnung manche Situation nicht aushalten kann«, so die Professorin. Die Spannung gilt es jedoch auszuhalten.