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Uneindeutiger Verlust durch Demenz
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Mit der Widersprüchlichkeit leben lernen

Auch ohne dass ein geliebter Mensch stirbt, kann man ihn verlieren. Solch ein uneindeutiger Verlust geschieht zum Beispiel, wenn Angehörige dement werden. Über den Umgang mit dieser Art von Trauer.
AutorKontaktdpa
Datum 22.09.2026  08:00 Uhr

Uneindeutiger Verlust, das klingt irgendwie sperrig. Gemeint ist: Es fehlt das Klare, Eindeutige. Stirbt ein Mensch, trauern wir. Die Situation ist dann eindeutig: Ein Kind, Partner oder Elternteil ist nicht mehr da, wir vermissen ihn oder sie, müssen uns mit dem Verlust abfinden und Abschied nehmen.

Bei einem uneindeutigen Verlust dagegen ist die Lage unklar. Die amerikanische Professorin Pauline Boss entwickelte das Konzept des »Ambiguous loss« in den 1970er-Jahren und unterschied zwei Formen.

  • Zum einen kann ein Mensch nicht mehr körperlich, aber psychisch präsent sein. Bei vermissten oder entführten Personen bleibt etwa unklar, was mit ihnen geschehen ist und ob sie noch leben. Auch Flucht, Migration oder Inhaftierung können als uneindeutiger Verlust erlebt werden, wenn Kontakt oder Verbleib unklar sind.
  • Zum anderen können Menschen physisch noch anwesend sein, psychisch, kognitiv oder emotional aber nicht mehr in gleicher Weise erreichbar. Etwa, wenn sie demenziell oder schwer psychisch erkranken oder schlimme Hirnverletzungen haben.

Der Fall, dass ein Mensch durch Demenz »verloren geht«, betrifft bereits heute viele Familien. Traurigkeit, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, körperliche Symptome - die Begleiterscheinungen eines uneindeutigen Verlustes können denen nach einem Todesfall ähneln. Aber was im Trauerprozess bei einem eindeutigen Verlust hilft, greift hier nicht wirklich. Wie also geht man gut mit so einem uneindeutigen Verlust um?

»Der Unterschied ist: Wir haben keine Gewissheit. Der Abschied, um den es beim klassischen Trauerprozess geht, bleibt letztlich aus«, sagt Professorin Anette Kersting. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Leipzig. Beim uneindeutigen Verlust gehe es vielmehr darum, mit der Widersprüchlichkeit leben zu lernen.

»Man kann an manchen Tagen hoffnungsvoll sein, weil die Krankheit vielleicht stagniert, und an anderen Tagen resignieren«, sagt Anette Kersting. Denn selbst gegen alle Wahrscheinlichkeiten gebe es bei Erkrankungen immer noch Hoffnung. Das sei auch gut so. »Ich glaube, dass man ohne Hoffnung manche Situation nicht aushalten kann«, so die Professorin. Die Spannung gilt es jedoch auszuhalten.

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