Trauerexpertin und Fachautorin Chris Paul spricht von immer wiederkehrenden kleinen Trauerprozessen im Alltag. Statt dem einen großen, endgültigen Verlust gibt es eine Serie von kleinen Verlusten. Wofür man beim Tod eines Menschen mehrere Jahre Zeit hat, geschieht beim uneindeutigen Verlust kleinteilig und jeweils wie im Zeitraffer. Das belastet.
Chris Paul empfiehlt Menschen, die einen uneindeutigen Verlust erleben, im Moment zu bleiben. »Stellen Sie nicht die ungewisse Zukunftsperspektive in den Vordergrund«, sagt sie und rät auch davon ab, mit dem zu vergleichen, was früher war. Besser: eine neue Kontaktebene zu finden, etwa ein einfaches, gemeinsames Spiel. »In Momenten der geteilten Freude kann etwas sehr Schönes und Tröstliches sein«, so die Autorin.
Trotz des Verlustes kann sich manchmal auch eine neue Perspektive entwickeln. Manche Angehörige erleben neue Seiten in der Beziehung, etwa wenn ein strenger Elternteil durch die Demenz weicher wird. »Ich habe Menschen begleitet, die einen neuen Zugang zu ihren Eltern gefunden haben, als sie sich auf die Veränderungen einlassen konnten«, sagt Chris Paul.
Auch Dankbarkeit für das, was war, kann das Loslassen in kleinen Schritten erleichtern. »Durch alles, was die Person, die jetzt erkrankt ist, uns in gesunden Zeiten weitergegeben hat, hat sie eine Spur in uns gelegt, die fortbesteht«, sagt die Trauerexpertin. Das wahrzunehmen, kann trösten.
Weil Angehörige im Fall einer Demenz an vielen Fronten gefordert sind, sollten sie alle Pflege-, Hilfs- und Betreuungsangebote von Kranken- und Pflegekasse nutzen, die möglich sind. Demenzverbände bieten Beratungen, Schulungen und Selbsthilfegruppen an. Beim Schultern der emotionalen Last können auch Freunde unterstützen.
»Es ist eine Krise, so ein Mensch hat eine Menge zu denken, zu entscheiden und zu tun«, sagt Chris Paul. Freunde sollten über eine möglicherweise lange Strecke dranbleiben und Verständnis zeigen. »Zuhören ist das Allerwichtigste«, sagt die Expertin. »Mehr zuhören als reden. Und schauen, ob man ein bisschen normalen Alltag anbieten kann.« Das kann so aussehen, dass man denjenigen oder diejenige weiter zum Stammtisch oder Spaziergang einlädt, aber nicht sauer ist, wenn er oder sie es nicht schafft. Angehörigen hilft es, eine Atempause von ihren Sorgen zu bekommen und zu spüren: »Ich bin noch da.«