Schmerz, Erschöpfung, Depressivität: Das bestimmt den Alltag vieler Fibromyalgie-Patientinnen. / © Getty Images/Justin Paget
Bis Menschen mit einem Fibromyalgie-Syndrom (FMS) die korrekte Diagnose erhalten, dauert es durchschnittlich 16 Jahre, informiert die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS). »In der Tat bringen viele Erkrankte eine jahrelange Ärzte-Odyssee hinter sich, bevor die Diagnose gestellt wird. Fibromyalgie lässt sich nicht im Blut messen oder etwa auf Röntgenbildern erkennen. Letztendlich haben wir nur den weit über den Körper ausgebreiteten Schmerz, verbunden mit Müdigkeit, Schlafstörungen und kognitiven Einschränkungen«, erklärte Sanitätsrat Dr. Oliver Emrich vom Landeszentrum Rheinland-Pfalz für Schmerztherapie der DGS in Ludwigshafen im Gespräch mit PTA-Forum.
Dabei könne die Erkrankung mittlerweile eindeutig klassifiziert werden. Die Diagnosekriterien wurden von der amerikanischen Rheumagesllschaft definiert und finden weltweit Anwendung. Um diese Kriterien in kurzer Zeit erfassen zu können und die Diagnose somit zu erleichtern, hat die DGS einen Praxisleitfaden und eine Praxisleitlinie erarbeitet, zu deren koordinierenden Autoren Emrich gehört. »Das Fibromyalgie-Syndrom ist keine Ausschlussdiagnose mehr, die am Ende übrig bleibt, wenn alles andere nicht zutrifft. Es ist eine eigenständige Krankheit mit klinischer Positivdefinition.« Mit einer Prävalenz von 1,4 bis 6,6 Prozent der Gesamtbevölkerung gehört das FMS zu den häufig(er)en Schmerzerkrankungen – was lange unterschätzt worden ist. Unter den etwa 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland sind deutlich mehr Frauen.
Die typischen schmerzenden Körperstellen werden mithilfe des Widespread-Pain-Index erfasst (siehe Grafik). Werden mindestens 7 von 19 Körperpartien als schmerzhaft oder druckempfindlich angegeben, spricht das in Kombination mit einer bestimmten Symptomschwere für ein FMS. Die Schmerzen müssen seit mindestens drei Monaten in 4 von 5 Körperquadranten bestehen, die Körperareale können aber wechseln.
Der Widespread Pain Index (WPI) ist ein Teil der FMS-Diagnosefindung. Um ihn zu bestimmen, gibt der Patient an, in wie vielen der 19 ausgewiesenen Körperstellen er in der letzten Woche Schmerzen hatte. Der Wert kann zwischen 0 und 19 liegen. / © PZ-Grafik/Jens Ripperger, Adobe Stock/hiro
Emrich betonte, dass man heute bei der Diagnosefindung weg von der alleinigen Fixierung auf gewisse Tenderpoints ist, also Schmerzpunkte an definierten Körperstellen. Vielmehr hätten nun Zusatzsymptome wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen, allgemeine Erschöpfung (Fatigue), Verdauungsbeschwerden und psychische Belastungen wie Neigung zur Depressivität und Angststörungen einen viel höheren Stellenwert. Deren Schweregrad ist laut Praxisleitfaden zu ermitteln.
»Die Fibromyalgie hat einen vielschichtigen Charakter und beruht auf einer Störung der körpereigenen Schmerzkontrollsysteme. Schwache alltägliche Reize wie ein leichter Druck werden bereits als Schmerz wahrgenommen, fehlinterpretiert und eben als Schmerz verarbeitet. Und dieser kann sich in den verschiedensten Entitäten des Körpers niederschlagen: in Gelenken, Muskulatur, Gefäßen, inneren Organen, in der körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit.«