Die Lösung besteht aber nicht darin, das Alter ausschließlich positiv zu sehen. »Man hat bestimmte Möglichkeiten, aber nicht alle Möglichkeiten dieser Welt«, sagt Jana Nikitin. Das gehört für sie ebenso zu einer realistischen Einschätzung wie zu wissen: »Altern ist das, was ich aus meinen Voraussetzungen mache. Das ist nicht etwas, was kommt, sondern etwas, was wir mitgestalten.« Positiv gelingt das etwa durch Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Kontakte und eine sinnvolle Aufgabe – »das tut in jedem Alter gut, und dafür ist es nie zu spät«.
Hinzu kommen mögliche emotionale Gewinne. Im Durchschnitt seien ältere Menschen ausgeglichener, emotional stabiler und besser darin, ihre Gefühle zu regulieren, so die Professorin. Außerdem erlebten sie ihre sozialen Begegnungen häufig als bedeutungsvoller.
Das hänge auch mit dem wachsenden Bewusstsein zusammen, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Daraus kann eine neue Klarheit entstehen. »Will ich jetzt wirklich noch jeden Blödsinn mitmachen? Nein, will ich nicht«, beschreibt Jana Nikitin diese Entwicklung. Man wählt bewusster aus, mit welchen Menschen man Zeit verbringt und welche Aufgaben sinnvoll erscheinen. Auch wird es einem oft mehr und mehr egal, was andere von einem denken.
Was also tun, wenn einen das eigene Spiegelbild betrübt, wenn es zwickt und die Augen schlechter werden? Jana Nikitin empfiehlt, dem ersten Gedanken weitere folgen zu lassen: Welche meiner Vorstellungen vom Alter stimmen überhaupt? Welche Möglichkeiten habe ich weiterhin? Was habe ich mit dem Älterwerden gewonnen? Was habe ich aufgebaut, gelernt oder bewirkt? Welche Menschen, Beziehungen und Erfahrungen gehören heute zu meinem Leben?
Die Antworten sind für jeden Menschen andere. Die Falten verschwinden dadurch nicht. Aber womöglich verändert sich ihre Bedeutung: Sie sind dann nicht mehr nur ein Zeichen dafür, dass etwas verloren geht – sondern auch dafür, dass einiges hinzugekommen ist.
Zum Älterwerden gehört Jana Nikitin zufolge noch ein weiterer Prozess: Wir werden besser darin, uns an das anzupassen, was wir haben, und dessen Wert wahrzunehmen. Menschen hätten grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Kontrolle über ihr Leben auszuüben: »Entweder wir verändern die Welt so, dass sie zu unseren Bedürfnissen und Zielen passt. Oder wir verändern uns, sodass unsere Bedürfnisse dem entsprechen, was wir haben.« Dieser zweite Prozess werde im höheren Erwachsenenalter stärker.
Das klingt zunächst nach Sich-Abfinden. Die Expertin sieht darin jedoch auch einen Gewinn: »Wir finden einfach das Gute, das Positive eher in dem, was wir haben, als in jungen Jahren.« Beziehungen, Erfahrungen, Fähigkeiten, bewältigte Krisen, ein Zuhause, eine Familie, all das kommt zusammen – und vielleicht sogar noch mehr.