| Isabel Weinert |
| 11.05.2026 13:00 Uhr |
Ziehen düstere Pandemiewolken auf durch den Andes-Hantavirusausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff? / © Getty Images/Flavio Vallenari
Was ist genau passiert?
Am 1. April dieses Jahres legte das Kreuzfahrtschiff »MV Hondius« in Ushuaia ab, einer Hafenstadt auf der Insel Feuerland im äußersten Süden Argentiniens. Laut Berichten erkrankte fünf Tage nach Abfahrt der erste Patient mit Fieber, Kopfschmerzen und Durchfall, ein 70 Jahre alter Niederländer. Der Mann verstarb, an Bord ging man zunächst von einem natürlichen Todesfall aus. Erst als weitere Menschen Symptome entwickelten und Gesundheitsbehörden und Speziallabore Proben der Erkrankten untersuchten, konnte mittels PCR-Tests und genetischer Sequenzierung das Andes-Hantavirus nachgewiesen werden.
Wo hat sich der erste Patient mit dem Virus infiziert?
Bisher gehen die Gesundheitsbehörden davon aus, dass sich der Mann in der Region um Ushuaia herum angesteckt hat. Bei einer Vogelbeobachtungstour könnte er in Kontakt mit kontaminiertem Staub gekommen sein, womöglich auf einer Mülldeponie, die unter Vogelkundlern bekannt ist.
Wie hat man die anderen Passagiere vor Ansteckung geschützt?
Nachdem bekannt geworden war, dass das Andesvirus hinter dem Ausbruch steckt, wurden die Passagiere in ihren Kabinen isoliert. Wer infiziert war, wurde teils mit Spezialtransporten evakuiert. Menschen, die schon in anderen Ländern von Bord gegangen waren, wurden weltweit gesucht und überwacht. Kontaktpersonen mussten in Quarantäne oder zumindest unter Beobachtung bleiben. Außerdem durfte das Schiff zeitweise nicht regulär anlegen. Die Ausschiffung in Teneriffa fand am vergangenen Wochenende unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt.
Wenn Behörden so vorgehen, muss es sich doch um ein extrem gefährliches Virus mit Pandemiepotenzial handeln – oder nicht?
Wissenschaftler kennen das Andes-Hantavirus seit über 30 Jahren und damit auch seine Eigenschaften – anders als es bei SARS-CoV-2 der Fall war. Eine wesentliche Eigenschaft ist die geringe Übertragbarkeit des Virus von Mensch zu Mensch. Damit sich das Andes-Hantavirus von einem Menschen auf den anderen überträgt, braucht es infektiöse Körperflüssigkieten oder einen sehr nahen Kontakt mit der Ausatmung eines infizierten Menschen. Dazu kommt: Die Virusmenge in den Atemwegen ist deutlich geringer als bei klassischen Atemwegsviren. Das verringert die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung zusätzlich. Es passt sich zudem nicht rasch evolutionär an, wie etwa SARS-CoV-2 oder Grippeviren. Der Mensch ist für das Andes-Hantavirus eher so etwas wie ein »Fehlwirt«. Sein natürlicher Wirt ist die Langschwanz-Reisratte (Oligoryzomys longicaudatus) in Teilen Südamerikas.
Wer sich infiziert, erkrankt allerdings oft schwer. Die Sterblichkeit liegt bei 30 bis 40 Prozent der symptomatischen Fälle mit Hantavirus-Lungensyndrom (HPS). Das ist der Grund für die strengen Sicherheitsvorkehrungen beim Ausbruch auf der MV Hondius.
Was sind typische Symptome einer Infektion mit dem Andes-Hantavirus und wie verläuft die Erkrankung?
Eine Infektion beginnt oft unspezifisch, ähnlich einer Influenzainfektion, also mit hohem Fieber, starker Müdigkeit, Muskel- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit und Erbrechen. Nach ein paar Tagen kann sich der Zustand erheblich verschlechtern. Der Mensch beginnt zu husten, leidet unter immer stärkerer Atemnot, der Puls steigt an, der Blutdruck sinkt, in der Lunge sammelt sich Flüssigkeit. Diese gefährliche Phase kann in ein Lungenödem mit akutem Atemversagen und Kreislaufschock münden. Menschen haben dann noch auf der Intensivstation eine Chance. Schwere Verläufe können tödlich durch Multiorganversagen enden.
Gibt es kein Medikament gegen das Virus?
Nein, es existiert derzeit keine spezifische Therapie gegen die Infektion und auch keine Impfung gegen das Virus.
Sollte ich jetzt vorsichtshalber in größeren Menschenansammlungen wieder eine FFP-2-Maske tragen, gerade, wenn ich eine chronische Krankheit habe oder älter bin?
Nein, niemand muss sich nun speziell vor einer Ansteckung mit dem Andes-Hantavirus schützen. Laut Gesundheitsbehörden besteht keine allgemeine Gefahr, sich im Alltag mit diesem Virus zu infizieren. Auch chronisch kranke Menschen müssen sich nicht speziell schützen. Die als sehr gering eingeschätzte Gefahr begründet sich darin, dass dieser Hantavirus-Typ natürlicherweise vor allem in Teilen Südamerikas vorkommt und nicht bei uns. Zudem weist nichts darauf hin, dass der Ausbruch auf der MV Hondius auf eine laufende Epidemie in zurückzuführen sei. Besondere Vorsicht wäre nur dann geboten, wenn ein Mensch direkten Kontakt zu einem infizierten Menschen gehabt hätte, wenn er medizinisch mit Infizierten befasst ist oder sich im direkten Umfeld eines Ausbruchs befindet, also etwa Passagier auf der MV Hondius gewesen ist.
Und was ist mit den Hantaviren hierzulande? Wo kommen sie vor, und wie kann ich mich davor schützen, mich damit zu infizieren?
Hierzulande infizieren sich pro Jahr meist einige hundert Menschen mit dem von der Rötelmaus übertragenen Hantavirus »Puumala-Orthohantavirus« (PUUV). Infektionen kommen vor allem im Süden und Südwesten des Landes vor. Seltener, vor allem in Ostdeutschland, übertragen Brandmäuse das Dobrava-Belgrad-Virus. Menschen hierzulande stecken sich überwiegend an, wenn sie virushaltigen Staub einatmen, wie er aus Ausscheidungen der Mäuse entstehen kann, wenn diese länger nicht beseitigt werden, etwa in Garagen, Gartenhütten, Schuppen oder Kellerräumen. Viele der Infektionen verlaufen mild, oft gar unbemerkt, schwere Fälle sind selten, bedürfen dann aber einer intensivmedizinischen Behandlung und können tödlich enden. Wer weiß, dass er Kontakt mit infektiösen Stäuben, etwa beim Reinigen wie Ausfegen einer Garage, eines Kellers oder ähnlichem gehabt haben könnte und grippeähnliche Symptome entwickelt, sollte an eine solche Infektion denken.
Wie kann ich mich vor solch einer Infektion schützen?
Räume mit Mäusebefall sollte man gründlich lüften und dann nicht trocken fegen oder aussaugen, sondern feucht wischen, um keinen Staub aufzuwirbeln. Während dieser Arbeit sollte man eine FFP-2-Maske tragen und Handschuhe.
Coronaviren lösten bereits 2002 eine Pandemie aus: SARS. Ende 2019 ist in der ostchinesischen Millionenstadt Wuhan eine weitere Variante aufgetreten: SARS-CoV-2, der Auslöser der neuen Lungenerkrankung Covid-19. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronaviren.