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Warum Freundlichkeit froh macht

People Pleasing spukte einige Zeit durch die Sozialen Medien – Menschen, die quasi zwanghaft immer freundlich sind. Das hat das Image der Freundlichkeit beschädigt. Denn sie ist das Fundament für ein gutes Miteinander. Das denkt auch die Psychologin und Bestseller-Autorin Nora Blum. PTA-Forum sprach mit ihr.
AutorKontaktIsabel Weinert
Datum 02.07.2026  08:00 Uhr

PTA-Forum: Ist Freundlichkeit die Grundlage eines guten Zusammenlebens in einer Gesellschaft?

Blum: Aus meiner Sicht schon. Wir stehen gerade als Gesellschaft in einer Situation, wo das Miteinander leidet. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage, gibt die Mehrheit der Bevölkerung an, das soziale Miteinander habe sich ihrer Wahrnehmung nach in den letzten drei Jahren verschlechtert. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass wir zum einen durch die Sozialen Medien in einer Art Empörungswelt stecken, wo es darum geht, schnell Klicks zu regenerieren, indem sich Menschen schnell über andere empören können. Außerdem raubt das Smartphone uns die Aufmerksamkeit für andere Menschen im realen Leben. In der U-Bahn schauen sich Menschen kaum noch in die Augen, weil viele auf ihr Smartphone starren. Das hat einen merklichen Effekt auf das Miteinander.

Zudem gibt es viele gesellschaftliche Themen, an denen wir arbeiten müssen, zunehmenden Stress etwa, Ängste – die es oft schwerer machen, freundlich und zugewandt zu bleiben. Aus meiner Sicht ist Freundlichkeit der erste Schritt, um wieder ins Miteinander zu kommen. Dass wir einander achtsamer begegnen. Ganz wesentlich für Menschen, die sich damit schwertun: Es ist auch für einen selbst wohltuend, wenn man freundlich ist, einfach mal andere Menschen anlächelt und dann auch in aller Regel eine positive Reaktion kommt.

PTA-Forum: Was bedeutet der Titel Ihres Buches »Radikale Freundlichkeit«?

Blum: Radikal kommt von »Radix«, also von Wurzel. Damit möchte ich ausdrücken, dass Freundlichkeit ohne Kompromisse gelebt werden kann. Also nicht nur dann, wenn es uns leicht fällt, sondern gerade auch in schwierigen Situationen, also wenn wir jemanden nicht sympathisch finden, im Konfliktgespräch oder wenn wir mal einen schlechten Tag haben und es uns schwerer fällt, freundlich zu sein. Gerade dann zu probieren, trotzdem respektvoll im Gespräch zu bleiben - das ist für mich radikale Freundlichkeit.

PTA-Forum: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen »nett« und »freundlich«?

Blum: Sowohl »nett« als auch »freundlich« haben ein Imageproblem. »Nett« ist assoziiert damit, dass man zu allem Ja und Amen sagt und seine eigenen Interessen nicht vertritt und alles mit sich machen lässt. Das heißt dann leicht »die ist zu nett«. Freundlich sein bedeutet aber gerade nicht, dass man seine eigenen Interessen nicht vertreten darf oder allem zustimmt. Das ist eher eine Form von Konfliktscheue, die oft zu viel mehr Unfreundlichkeit führt.

Sondern vielmehr kann man sehr wohl auch freundlich seine Grenzen setzen. Man kann sehr freundlich »Nein« sagen. Man kann auch im Streit freundlich sein. Wir denken manchmal, man müsse sich entscheiden, also entweder für seine Grenzen einstehen oder freundlich sein. Das ist nicht richtig. Ich kann in all diesen Situationen freundlich zum Menschen bleiben, auch wenn ich in der Sache ganz klar meine Meinung formuliere.

PTA-Forum: Wann fällt es Ihnen selbst am schwersten, freundlich zu bleiben?

Blum: Für mich ist es schwieriger, freundlich zu sein, wenn ich gestresst bin. Dann gerate ich schnell in einem Tunnelblick und merke, dass mich die Leute in der U-Bahn zum Beispiel schneller nerven. Studien zeigen auch, dass wir im Stress weniger Verständnis für andere haben und weniger empathisch sind, weil wir sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Und das andere ist, dass ich ein harmoniebedürftiger Mensch bin und mich immer daran erinnern muss, freundlich in den Konflikt zu gehen, statt ein schwieriges Gespräch ewig aufzuschieben.

Dieser Punkt, dass Freundlichkeit nicht bedeutet, wichtige, konfliktträchtige Themen um des lieben Friedens Willen nicht anzusprechen, ist mir sehr wichtig. Wir sollten uns vielmehr häufiger sagen, was wir aneinander blöd finden als diese Gespräche aufzusparen und sich insgeheim ewig über einander zu ärgern. Für mich ist ein ganz eindeutiger Grundsatz »clear is kind«, also »Klarheit ist freundlich«. Denn der andere Weg - Dinge aus Furcht vor einem Konflikt nicht anzusprechen – dient häufig dazu, sich selbst vor der unangenehmen Situation zu schützen. Freundlich dem anderen gegenüber ist das nicht, denn wir nehmen ihm oder ihr die Möglichkeit sich zu erklären oder das Verhalten anzupassen.

PTA-Forum: Wie kann man freundlich bleiben, wenn das Gegenüber anders als erwartet auf unsere freundliche Haltung reagiert?

Blum: Letztendlich können wir nur das eigene Verhalten beeinflussen. Ich würde dann immer sagen: Nicht frustrieren lassen, wir haben unseren Teil getan und auch wenn sie anders reagiert, können wir weiterhin wohlwollend auf die andere Person schauen. Sie wird ihre Gründe dafür haben, dass sie die Kritik nicht annehmen kann oder möchte.

PTA-Forum: Welche unterschiedlichen Ebenen von Freundlichkeit gibt es?

Blum: In der Wissenschaft unterscheidet man drei Bereiche der Freundlichkeit. Das ist einmal die kognitive Freundlichkeit. Hierzu gehört die Haltung, mit der ich anderen Menschen begegne. Habe ich eine wohlwollende Haltung? Gehe ich erstmal nicht vom schlechtesten aus? Denke ich, alle verdienen den gleichen Respekt, völlig unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Tun und ihrer Meinung? Wie stehe ich also Menschen grundsätzlich gegenüber.

Das zweite ist die emotionale Ebene von Freundlichkeit, also die Empathie. Kann ich mich in andere Menschen einfühlen? Bemühe ich mich, auf deren Probleme einzugehen? Habe ich letztendlich ein Herz für andere?

Und das dritte ist die Verhaltensebene, also wirklich kleine Gesten der Freundlichkeit zu leben, etwa der Nachbarin ein Stück selbst gebackenen Kuchen zu bringen, andere Menschen anzulächeln, mal einen Kaffee mitzubringen, ein kleines Gespräch zu führen, jemandem zuzuhören und dabei das Handy mal in der Tasche zu lassen.

PTA-Forum: Wie kann man als PTA in der Apotheke verhindern, dass man abstumpft und Freundlichkeit zu einer Maske gerät?

Blum: Ganz wichtig ist es, die Freundlichkeit auch sich selbst gegenüber zu behalten, also auch auf die eigene Grundstimmung zu achten. Wie geht es mir eigentlich gerade? Was brauche ich? Also nicht nur freundlich zu anderen zu sein, sondern immer wieder auch zu schauen, wie kann ich mich mir selbst gegenüber freundlich verhalten. Brauche ich vielleicht eine kleine Pause? Habe ich gerade noch Kapazität für andere? Wenn wir auf unsere eigene Energie achten, dann ist auch viel mehr für andere da. Wichtig ist es dabei, seine Grenzen zu kommunizieren. Wenn man mit Menschen im Gespräch ist, die unfreunldich reagieren, die eigenen Grenzen spüren und zu sagen: ich möchte nicht, dass mit mir so gesprochen wird. Und sich dann aus dem Gespräch zurückziehen.

PTA-Forum: Was hat Sie zu Ihrem Buch motiviert?

Blum: Ich bin Psychologin und Unternehmerin mit einst über 100 Mitarbeitenden unter mir. Trotzdem wurde mir immer wieder entgegengebracht, ich sei zu freundlich. Man könne nicht in der Unternehmenswelt bestehen, wenn man nicht ständig die Ellenbogen ausfahre. Das möchte ich widerlegen und zeigen, dass wir sehr wohl erfolgreich sein können und gleichzeitig freundlich. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung und Respektlosigkeit halte ich es für sehr wichtig. Auch für uns selbst ist es letztendlich das beste, freundlich zu sein. Laut Studien erhöht es die Zufriedenheit und den Erfolg im Leben.

PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.

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