Der Deutsche Apothekertag 2026 hat begonnen. Von links nach rechts: Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes, Thomas Preis, ABDA-Präsident, Carsten Linnemann, Bundesgesundheitsminister, Ina Lucas, ABDA-Vizepräsidentin, Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer. / © PZ/Alois Müller
ABDA-Präsident Thomas Preis dankte Linnemann dafür, dass er sich den gesundheitspolitischen Herausforderungen stelle und den Dialog mit den Leistungserbringern suche. Gestern habe der Minister zugesagt, dass er die noch ausstehende Verordnung zur Änderung der Apothekenbetriebsordnung und weiterer Verordnungen unterschrieben habe.
Preis begrüßte die jüngst abgeschlossene Apothekenreform der Bundesregierung als »genau den richtigen Weg«. Nach mehr als 13 Jahren würden die Apotheken wieder gestärkt, und Apothekerinnen und Apotheker erhielten zusätzliche Kompetenzen, um die Versorgung der Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern. An Bundesgesundheitsminister Linnemann gerichtet, erklärte Preis abschließend: »Dafür sagen wir im Namen unserer Kundinnen und Kunden sowie der Patientinnen und Patienten in Deutschland: Danke!«
Das stufenweise auf 9,50 Euro erhöhte Fixum sei nach Jahren des Stillstands »eine substanzielle Anpassung«. Scharfe Kritik übte der ABDA-Präsident jedoch am erhöhten Kassenabschlag. Zum 1. Januar müssen Apotheken einen um 30 Cent auf 2,07 Euro erhöhten Abschlag an die Kassen abdrücken. Damit werde ein großer Teil der Honorarrhöhung – »satte 26 Prozent« – wieder abgeschöpft. Preis appellierte an den Minister, diese Entscheidung dringend zu überprüfen, denn »weitere Apothekenschließungen vermeidet man dadurch nicht«. Preis erinnerte daran, dass die Apothekenzahl in den vergangenen 13 Jahren um etwa 20 Prozent gesunken sei. Diese Entwicklung gelte es zu stoppen.
Die Reform übertrage den Apotheken neue Aufgaben und mehr Verantwortung, etwa mehr Impfungen, zusätzliche Präventions- und Testleistungen sowie in bestimmten Fällen Rx-Anschlussversorgung auch ohne aktuelle Verordnung. Die Apothekerschaft sei bereit, diese erweiterte Rolle in der Gesundheitsversorgung zu übernehmen – der gestern veröffentlichte Apothekenklimaindex, für den jährlich 500 Apothekeninhaberinnen und Apothekeninhaber befragt werden, belege diese Bereitschaft.
Die Apotheken zeigten deutlich, dass sie im Schulterschluss mit anderen Leistungserbringern die Versorgung verbessern wollten, so Preis. Dies habe die ABDA schon im Frühjahr mit ihrem Positionspapier »Die zukünftige Rolle der Apotheke in der Primärversorgung« verdeutlicht. Wichtig sei die Digitalisierung, namentlich die assistierte Telemedizin als »wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer noch umfassenderen Versorgung aus der Apotheke heraus«.
Die ABDA hat am Vortag des DAT ihren 5-Punkte-Plan mit konkreten Forderungen an den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) vorgestellt:
Für eine gute Versorgung unter fairem Wettbewerb gelte es, den Versendern Einhalt zu gebieten, forderte Preis. Er verwies auf deren neueste Aktionen, mit der Aussicht auf den Erlass der gesetzlichen Zuzahlungspflicht auf Kundenfang zu gehen. Dadurch verschafften sich Versender einen Wettbewerbsvorteil und – noch schwerwiegender – setzten die steuernde Wirkung der Zuzahlung außer Kraft. Die mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz erheblich erhöhte Zuzahlung verschärfe die Lage noch. »Diese Gesamtsituation ist für uns nicht länger hinnehmbar«, beklagte Preis. In zahlreichen Anträgen werde sich die Apothekerschaft in den kommenden drei Tagen mit dem Versandhandel auseinandersetzen.
Versender müssten zur Einhaltung von Temperaturvorschriften verpflichtet werden. »Wer Patientinnen und Patienten in Deutschland mit Arzneimitteln versorgt, muss sich an die in Deutschland geltenden Regeln halten.« Dies sei für Apotheken inzwischen existenziell.
Ihre Inkasso-Position, die sie im Übrigen auch bei Herstellerrabatten zugewiesen bekämen, lehnten die Apotheken entschieden ab. »Das ist nicht sachgerecht«, so Preis.
Preis unterstrich zudem die Bedeutung der Apotheken für die Krisen- und Versorgungssicherheit. Angesichts geopolitischer Krisen, fragiler Lieferketten und möglicher Ausfälle kritischer Infrastruktur sei eine krisenfeste Arzneimittelversorgung wichtiger denn je. Preis betonte, dass das flächendeckende Netz aus öffentlichen Apotheken, Krankenhaus- und Bundeswehrapotheken ein unverzichtbares Sicherheitsnetz darstelle. Wirtschaftlicher Druck und der Rückgang der Apothekenzahl hätten dieses Sicherheitsnetz bereits geschwächt, warnte er, und forderte die Politik auf, gegenzusteuern. Die wohnortnahe Versorgung müsse auch in Krisenzeiten sichergestellt bleiben.
Preis stellte die neue ABDA-Imagekampagne »Gut, dass Ihr da seid« vor, die die Menschen für die Versorgungskompetenz der Apotheken sensibilisiere. Die Kampagne rückt bewusst die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger auf die Apotheken vor Ort in den Mittelpunkt. »Gut, dass Ihr da seid« sei ein Satz, den Apothekerinnen und Apotheker täglich tausendfach hörten, betonte Preis. Als Beispiele nannte er die Arzneimittelversorgung im Notdienst, individuelle Rezepturen sowie den Botendienst der Apotheken. Diese Leistungen zeigten, dass Apotheken ein unverzichtbarer Teil der Daseinsvorsorge seien. Die Menschen wüssten dies zu schätzen, sagte Preis.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) zeigte in seinem Grußwort zur Eröffnung des Deutschen Apothekertags seine Wertschätzung gegenüber den Apotheken. Sie stünden für besondere Werte und übernähmen soziale Verantwortung. Nach sechs Wochen im Amt berichtete er von seinem »frischen Blick«, den er auf die Gesundheitsthematik habe. Er fühle eine große Unabhängigkeit. Kontakte zu Apotheken habe er bereits gehabt, auch die Standesvertretung sei bei ihm zu Besuch gewesen.
Erschreckend sei der anhaltende Apothekenrückgang, so der Minister. Der Verlust habe Folgen für die Versorgung. Seine Amtsvorgängerin Nina Warken habe die Reform auf den Weg gebracht – sie sei ein Erfolg, wie auch Thomas Preis betont habe. Die Apotheken werden ihm zufolge eine stärkere Rolle spielen, auch bei der Notfallreform und der Primärversorgung.
Ärzte hätten ihn diesbezüglich kontaktiert und die »Kompetenzausweitung« kritisiert. Angesichts der anzustrebenden Patientensteuerung seien die Apotheken aber eine gute erste Anlaufstelle, so Linnemann. Auch bei der Ermittlung von Erkrankungen und anschließender Überweisung an den Arzt würden Praxen entlastet.
Er skizzierte zwei Baustellen im Gesundheitsbereich. Was ihn beschäftige, sei der Versandhandel. Die Beschlüsse der EU und von nationalen Gerichten passten nicht zusammen. Die Versender würden für Zuzahlungserlass werben – volkswirtschaftlich nenne man das »Wettbewerbsverzerrung«. Man wolle keinen Keil zwischen online und offline treiben, aber die Antwort sei, es dürften beide oder keiner. »Wir müssen das abstellen.« Dass die Paritätische Stelle noch nicht aktiv geworden sei, sei klar angesichts der Haftungsfrage. Die Stärkung durch das ApoVWG reiche womöglich auch nicht aus, räumte Linnemann ein. Für ehrliche Wettbewerbsbedingungen mache er »Lobby« und setze sich ein, so Linnemann.
Zudem sorgt er sich um das Thema Medizinalcannabis. Seit der Teillegalisierung seien die Importe von Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken nach Deutschland massiv gestiegen. 2023 habe das Volumen 30 Tonnen betragen, 2026 seien es bereits 300 Tonnen, eine Verzehnfachung innerhalb von drei Jahren. »Das darf uns als Mensch, als Bürger dieses Landes nicht kaltlassen.« Das sei Missbrauch, es gehe um Drogenkonsum zu Rauschzwecken. Eine Studie beschäftige sich aktuell mit der Zunahme der Krankenhausaufenthalte, der Konsum von Cannabis werde von den Autoren als mögliche Ursache angesehen. »Es ist unverantwortlich, was wir hier in Deutschland zulassen«, so Linnemann. Die Plattformen lüden geradezu zum Missbrauch ein, so Linnemann mit dem Verweis auf die fragwürdigen Fragebögen zur Verschreibung. Linnemann kündigte an: »So darf es nicht weitergehen.«
Linnemann lud die Apotheker zum »engen Austausch« ein, man sei »sehr nett« zu ihm gewesen. Kritik sei jederzeit willkommen, auch das gehöre dazu, so Linnemann. Er komme nächstes Jahr gern wieder.