| Juliane Brüggen |
| 21.08.2026 10:00 Uhr |
Eine Anpassung der Therapie aufgrund von Lieferengpässen muss die Ärztin oder der Arzt treffen. Für Apotheken bedeutet das häufig Rücksprachen zu halten. / © Getty Images/ Alvarez
Die Firma Teva hat einen Lieferengpass für Digitoxin AWD 0,07 Tabletten in den Packungsgrößen 50 und 100 Stück gemeldet. Das geht aus Angaben in dem Portal »PharmNet.Bund« hervor, auf dem das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) relevante Lieferengpässe veröffentlicht. Die Verfügbarkeit ist demnach voraussichtlich bis zum 29. Januar 2027 eingeschränkt. Aktuell ist Digitoxin AWD in Deutschland das einzige oral verfügbare Präparat mit dem Digitalisglykosid – wirkstoffgleiche Aut-idem-Präparate gibt es nicht.
In einer an das BfArM gerichteten Stellungnahme schätzt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) den Lieferengpass aufgrund begrenzter Alternativen als kritisch ein und beleuchtet den aktuellen Einsatz der Digitalispräparate. Demnach werden Digoxin und Digitoxin hierzulande vor allem zur Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern eingesetzt, wobei Digitoxin bevorzugt wird.
In der deutschen S3-Leitlinie zu Vorhofflimmern (2025) werden die Herzglykoside neben Betablockern, Verapamil und Diltiazem als Therapieoptionen zur Frequenzkontrolle genannt. Die Auswahl des Arzneimittels und die Dosierung sollen sich nach dem Nebenwirkungsspektrum und patientenindividuellen Faktoren richten. Darüber hinaus wird Digoxin in der Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC, 2024) als eines der Mittel der ersten Wahl genannt, um die Herzfrequenz bei Vorhofflimmern und einer Ejektionsfraktion > 40 Prozent zu kontrollieren; in Kombination oder alternativ zu einem Betablocker auch bei einer Ejektionsfraktion ≤40 Prozent.
Eine potenzielle Alternative zu Digitoxin ist Digoxin, wobei die DGK Einschränkungen aufzeigt. So wird Digoxin primär über die Niere eliminiert und kann sich daher bei Niereninsuffizienz anreichern. Demgegenüber kann Digitoxin bei eingeschränkter Nierenfunktion vermehrt enterohepatisch eliminiert werden. »Vorsicht bezüglich einer Digoxin-Überdosierung ist bei alten Patientinnen und Patienten, Frauen und/oder untergewichtigen beziehungsweise schlecht ernährten Personen geboten«, schreibt die Fachgesellschaft.
Konkrete Empfehlungen zur Umstellung auf Digoxin und andere Arzneimittel hatte die Fachgesellschaft bereits anlässlich der Digitoxin-Lieferengpässe im Jahr 2022 gegeben. Vorsicht ist aufgrund der langen Halbwertszeit von Digitoxin geboten, die etwa sieben Tage beträgt. Bevor Digoxin angesetzt werden kann, muss eine Therapiepause von zwei bis drei Wochen eingehalten werden. Wichtig ist zudem die engmaschige Kontrolle der Blutspiegel.
Betablocker und bradykardisierende Calciumantagonisten wie Verapamil und Diltiazem sind der Fachgesellschaft zufolge nur eingeschränkt als Alternative zur Frequenzkontrolle geeignet: Digitalisglykoside würden in der Regel erst dann eingesetzt, wenn die anderen Therapeutika keinen ausreichenden Effekt erzielt haben. Auch die Blutdrucksenkung kann eine Rolle spielen: Im Gegensatz zu Betablockern und Calciumantagonisten sind Digitoxin und Digoxin blutdruckneutral.
»Als Alternative zu Digitalispräparaten zur Frequenzkontrolle von Vorhofflimmern könnte allenfalls Amiodaron gegeben werden, obgleich dies primär zur Rhythmuskontrolle eingesetzt wird«, schreibt die DGK zu dem Antiarrhythmikum.
Digitoxin wird außerdem bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Pumpfunktion eingesetzt. Die Nationale Versorgungsleitlinie Herzinsuffizienz (2021) sieht Digitalisglykoside etwa als Reservemittel, wenn Patienten im Sinusrhythmus trotz leitliniengerechter Therapie mit prognoseverbessernden Wirkstoffen wie ACE-Hemmern oder Angiotensin-Antagonisten, Betablockern, SGLT2-Inhibitoren und Mineralocorticoid-Rezeptorantagonisten erheblich symptomatisch bleiben.
Die DGK weist auf die DIGIT-HF-Studie (2025) hin, deren Ergebnisse demnächst in die ESC-Leitlinien eingehen könnten. In der Studie hatten Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter Ejektionsfraktion, die eine leitliniengerechte Therapie erhielten, einen Vorteil bei der Gabe von Digitoxin im Vergleich mit Placebo. Die Verumgruppe verzeichnete ein geringeres kombiniertes Risiko für Tod oder Krankenhauseinweisung aufgrund einer verschlechterten Herzinsuffizienz.
Digitoxin und Digoxin sind herzwirksame Glykoside; sie hemmen die Natrium-/Kalium-ATPase. Sie steigern unter anderem die Kontraktionskraft der Herzmuskulatur und verlangsamen die Schlagfrequenz. Dabei haben sie jedoch eine geringe therapeutische Breite und sind daher auch Bestandteil der Substitutionsausschlussliste. Als Nebenwirkung können sie unter anderem Herzrhythmusstörungen verursachen.