Ein langer Weg im Körper: Der eingenommene Nährstoff muss zunächst aus Tablette oder Kapsel freigesetzt und im Magen-Darm-Trakt gelöst werden. Dann wird er durch die Darmschleimhaut transportiert und gegebenenfalls in der Leber oder im Gewebe umgewandelt. / © Getty Images/Dragon Claws
Bioverfügbarkeit ist in der Pharmazie wichtig, wenn es um die Dosierung von Arzneimitteln geht. Doch auch bei Mikronährstoffen gerät der Begriff zunehmende in den Fokus. Einige Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sollen besonders schnell, effektiv oder besonders vollständig aufgenommen werden. Für viele Kunden mag die proklamierte hohe Bioverfügbarkeit wie ein Qualitätsmerkmal klingen. Allerdings lohnt sich ein differenzierter Blick.
Unter Bioverfügbarkeit versteht man grundsätzlich den Anteil eines Stoffes, der nach der Einnahme unverändert im systemischen Kreislauf ankommt und dem Körper für seine physiologischen Funktionen zur Verfügung steht. Das Konzept der Bioverfügbarkeit erkennt an, dass zwischen Einnahme und Wirkung mehrere physiologische Schritte liegen: Der Nährstoff muss aus seiner Matrix freigesetzt, im Magen-Darm-Trakt gelöst, durch die Darmschleimhaut transportiert und gegebenenfalls in der Leber oder im Gewebe umgewandelt werden. An jeder dieser Stationen können Verluste auftreten. Entscheidend ist also nicht die deklarierte Menge auf der Packung, sondern der Anteil, der tatsächlich wirksam wird.
Die Bioverfügbarkeit von Mikronährstoffen wird von der chemischen Struktur, der Zusammensetzung der Mahlzeit, dem individuellen Ernährungsstatus und möglichen Wechselwirkungen beeinflusst. Fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K benötigen beispielsweise Nahrungsfett für eine optimale Aufnahme. Vitamin C verbessert die Eisenresorption, während Kaffee, Tee oder phytatreiche Lebensmittel sie hemmen können.
Auch bei der gemeinsamen Einnahme von Arzneimitteln und Mikronährstoffen kann es Probleme geben. Zweiwertige Kationen wie Magnesium, Calcium oder Eisen können beispielsweise die Resorption bestimmter Antibiotika oder Schilddrüsenhormone vermindern. Vielen Anwendern sind diese Zusammenhänge nicht bewusst. Hersteller von NEM weisen auf der Verpackung in der Regel auch nicht auf diese Wechselwirkungen hin. Umso wichtiger ist die Frage in der Apotheke bei der Abgabe betroffener Arzneimittel, ob und welche NEM der Patient regelmäßig einnimmt.
Wichtig ist es auch, zu vermitteln, dass der Körper regulierende Mechanismen besitzt, wenn es um die Aufnahme von Mikronährstoffen geht. Viele Mineralstoffe und Vitamine werden abhängig vom Bedarf für den Körper verfügbar. Bei guter Versorgung sinkt die Resorptionsrate, bei Mangel steigt sie. Eine besonders hohe Bioverfügbarkeit bedeutet daher nicht automatisch einen zusätzlichen Nutzen. In manchen Fällen kann sie sogar dazu führen, dass Schutzmechanismen des Körpers umgangen werden.
Empfohlene Referenzwerte etwa von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) berücksichtigen außerdem bereits, dass Nährstoffe aus der Nahrung nicht vollständig aufgenommen werden. Wird zusätzlich ein hoch dosiertes Präparat eingenommen, kann die tatsächlich im Körper ankommende Menge den Bedarf überschreiten. Das Prinzip »Viel hilft viel« gilt in der Mikronährstoffversorgung nicht. Im Gegenteil, es drohen Nebenwirkungen und Intoxikationen. Bei einer zu hohen Dosis Magnesium bemerken Patienten beispielsweise Magen-Darm-Probleme wie Durchfall infolge osmotischer Effekte.
Besagtes Magnesium zählt zu den meistverkauften Mineralstoffen in deutschen Apotheken. Einige Kunden wünschen explizit die »beste« Verbindung. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Magnesiumsalzen, wobei zwischen anorganischen Formen wie Magnesiumoxid oder -chlorid und organischen Formen wie Magnesiumcitrat oder -aspartat zu unterscheiden ist. Organische Verbindungen sind besser wasserlöslich. Da die intestinale Resorption nur für freie Magnesiumionen möglich ist, liegt zunächst die Annahme nahe, dass anorganische Verbindungen gegenüber organischen Salzen im Nachteil sein könnten.
Tierexperimentelle Daten zeigen jedoch, dass sich im Dünndarm der überwiegende Anteil oral zugeführter Magnesiumverbindungen in gelöster Form befindet. Im sauren Milieu des Magens dissoziieren also praktisch alle Magnesiumsalze. Organische Verbindungen könnten allerdings in bestimmten Konstellationen, etwa bei einem erhöhten Magen-pH-Wert, von Vorteil sein.
Die meisten Studien zeigen, dass sich die langfristig im Körper verfügbare Magnesium-Menge zwischen den einzelnen Verbindungen nicht stark unterscheidet. Das bedeutet für einen normoabsorptiven Menschen mit leichtem bis moderatem Magnesiummangel, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Verbindungen klinisch gering sind und das Marketing rund um die »überlegene« Salzform für den gesunden Menschen irrelevant ist. Entscheidend sind vielmehr eine ausreichende Gesamtzufuhr, gastrointestinale Verträglichkeit, mögliche Interaktionen und der Einnahmezeitpunkt. Ein gut verträgliches Präparat, das regelmäßig eingenommen wird, ist wertvoller als ein theoretisch überlegenes, das wegen Nebenwirkungen abgesetzt wird.
Die PTA kann auch gleich mit einem weiteren Mythos aufräumen: Es ist falsch, dass bestimmte Magnesiumsalze primär in bestimmten Organen wirken. Magnesiumtaurat geht nicht direkt ins Herz und die Glycinat-Verbindung wirkt nicht in erster Linie am Nervensystem. Nach der Dissoziation ist das Anion metabolisch eigenständig und führt das Magnesiumion nicht mehr mit. Mg2+ verteilt sich nach der Resorption über den Blutkreislauf und die intrazelluläre Aufnahme erfolgt nach physiologischen Gradienten und Transportermechanismen, nicht nach der Herkunft des Salzes.
Für gesunde Menschen mit ausgewogener Ernährung sind NEM in vielen Fällen nicht erforderlich. Eine gezielte Supplementierung ist dagegen bei diagnostiziertem Mangel, in bestimmten Lebensphasen oder bei besonderen Ernährungsformen sinnvoll. Beispiele sind Vitamin D bei nachgewiesenem Defizit, Folsäure in der Frühschwangerschaft oder Vitamin B12 bei veganer Ernährung. Problematisch sind dagegen hochdosierte Kombinationspräparate ohne klaren Bedarf. Sie können nicht nur unnötig sein, sondern auch zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Mineralstoff-Ungleichgewichten oder Interaktionen mit Medikamenten führen.
Fraglich ist auch, ob Bio-Enhancer, die in einigen NEM als technische Optimierung beworben werden, sinnvoll sind. Hersteller setzen sie ein, um die Aufnahme schwer resorbierbarer Stoffe zu steigern. Bio-Enhancer sind zum Beispiel Pfefferextrakte mit Piperin, sekundäre Pflanzenstoffe wie Quercetin oder moderne Trägersysteme wie Liposomen und Mizellen. Bei gesunden Menschen ist bisher kaum belegt, dass sie von diesen Verstärkern profitieren. Zu bedenken ist, dass sie möglicherweise nicht nur die Aufnahme des gewünschten Nährstoffs steigern, sondern auch die von Arzneimitteln. Überdosierungen könnten die Folge sein. PTA sollten bei Kunden mit Dauermedikation oder chronischen Erkrankungen auf Risiken hinweisen. Besondere Vorsicht ist grundsätzlich bei Schwangeren, Stillenden, Kindern und älteren Menschen geboten.
In der Apotheke geht es nicht um den Verkauf einer möglichst innovativen Darreichungsform, sondern um eine bedarfsgerechte und sinnvolle Supplementation für den Einzelnen. Dafür kann die PTA zunächst den Anlass der Einnahme klären: Liegt ein ärztlich diagnostizierter Mangel vor? Bestehen Symptome oder will der Patient lediglich vorsorgen? Ist es eine Option, durch Veränderungen der Ernährungsweise die Versorgung zu verbessern?
Wenn ein NEM als sinnvoll erscheint, sollte die Dosierung geprüft und mit Referenzwerten abgeglichen werden. Die PTA kann auch Erwartungen realistisch einordnen, denn »hoch bioverfügbar« bedeutet nicht automatisch wirksamer. Bedeutsam ist in vielen Fällen hingegen der Einnahmezeitpunkt: Fettlösliche Vitamine zu einer Mahlzeit, Mineralstoffe mit Abstand zu bestimmten Arzneimitteln. Nüchtern betrachtet ist eine sinnvolle Supplementation dann gar nicht so kompliziert, wie manches Marketing es erscheinen lässt.