PTA-Forum online Avoxa
instagram facebook

Aktueller Stand der Wissenschaft
-
Welche Ernährungsgewohnheiten gesundes Altern fördern

Länger leben möchten alle – wichtig ist dabei aber vor allem, möglichst lange gesund und selbstständig zu bleiben. Die aktuelle Forschung zeigt, welche Bedeutung Ernährung und Bewegung für gesundes Altern haben – und auch, wo es noch Lücken in der Evidenz gibt.
AutorKontaktVerena Schmidt
Datum 20.10.2026  16:00 Uhr

Proteine für die Muskeln

Professor Dr. Anja Carlsohn von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg ging in ihrem Vortrag auf die Bedeutung von Proteinen zum Erhalt von Muskelmasse und -funktion in höherem Alter ein. Sie stellte die Ergebnisse einer Metaanalyse von 32 prospektiven Kohortenstudien mit insgesamt mehr als 715.000 Personen vor. Diese zeigten, dass eine höhere Gesamtproteinzufuhr das Gesamtmortalitätsrisiko reduzieren kann. Vor allem pflanzliches Protein habe in der Studie positive Effekte gezeigt, so Carlsohn.

Die Muskelgesundheit, ein Konglomerat aus Muskelmasse, -kraft und -funktion, sei ein zentraler Faktor für gesundes Altern, so die Referentin. »Wenn ich nicht mehr genügend Muskelmasse und -kraft habe, bin ich beispielsweise nicht in der Lage, Einkäufe nach Hause zu tragen, Treppen zu steigen oder auch ein Marmeladenglas zu öffnen«, verdeutlichte sie.

»Ab dem vierten bis fünften Lebensjahrzehnt nimmt die Muskelmasse kontinuierlich ab. Der Kraftverlust schreitet dabei deutlich schneller voran als der Masseverlust«, so Carlsohn. Das heißt: Ab dem vierten bis fünften Lebensjahrzehnt verliert der Mensch etwa 3 bis 8 Prozent an Muskelmasse pro Dekade, an Muskelkraft gehen pro Jahr 1 bis 3 Prozent verloren, also 10 bis 30 Prozent pro Dekade. In höherem Alter ist der Abbau nochmals beschleunigt.

Muskeln aufbauen und erhalten

Die Muskelkraft sei ein besserer Prädiktor etwa für Stürze, Frakturen, Immobilität, Pflegebedürftigkeit und Mortalität als die Muskelmasse allein. »Die Sarkopenie ist ein Prozess, der bereits in jüngerem Alter beginnt und sich über die gesamte Lebensspanne zieht«, so Carlsohn. Das biete aber auch die Chance, sie zu vermeiden oder zu verzögern. Im jungen Erwachsenenalter werde die maximale Muskelkraft aufgebaut, im mittleren Alter sollte diese möglichst erhalten bleiben, um dann im späteren Lebensalter Verluste so gering wie möglich zu halten.

Proteine sind wichtig, um Muskelmasse zu erhalten, sie tragen zum Wachstum der Muskelmasse bei und sind auch wichtig für die Knochengesundheit – das besagen die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zugelassenen Health Claims. »Heute hat man häufig den Eindruck, bei Protein heißt es: je mehr, desto besser«, so die Referentin. Ob eine höhere Proteinzufuhr bei gesunden älteren Menschen die Muskelgesundheit tatsächlich positiv beeinflussen kann, ist allerdings nicht klar.

Ein sogenanntes Umbrella Review – also ein Review, das mehrere systematische Reviews und Metaanalysen zusammenfasst – der DGE hat sich mit dieser Frage befasst: Untersucht wurde der Einfluss einer gesteigerten Proteinzufuhr bei gesunden Erwachsenen ab 50 Jahren ohne Sarkopenie auf die Parameter Muskelmasse, -kraft und körperliche Leistungsfähigkeit.

»Die Ergebnisse sind etwas ernüchternd«, so Carlsohn. Denn eine Erhöhung der Zufuhr von Proteinen jeglicher Herkunft in Kombination mit Krafttraining zeigte in der Untersuchung keinen Effekt auf die Muskelmasse. Auch gebe es wahrscheinlich keine Effekte auf Muskelkraft und körperliche Leistungsfähigkeit, so Carlsohn. Die aktuelle Evidenz lässt ihr zufolge die Schlussfolgerung zu, dass eine erhöhte Proteinzufuhr bei Älteren keine Erfolg versprechende Maßnahme zur primären Sarkopenie-Prävention ist.

Allerdings hat der Review auch seine Schwächen: Das Ergebnis könnte eventuell damit zusammenhängen, dass die Teilnehmer schon vor Studienbeginn 0,8 g/kg KG/d Protein oder mehr zu sich nahmen und damit schon gut versorgt waren. »Eine weitere Steigerung konnte hier scheinbar keine zusätzlichen Effekte erzeugen.« Zudem hatte man sich in den Studien auf gesunde Erwachsene und nicht auf Personen mit erhöhtem Sarkopenie-Risiko konzentriert. Dazu kommt auch eine große Heterogenität der Studien, etwa beim Alter der Probanden, bei den untersuchten Proteinquellen und der Dosierung. Auch die Studiendauer und Trainingsprogramme unterschieden sich teils stark.

Bei jüngeren Männern (durchschnittlich 22 Jahre) jedenfalls konnte in Studien gezeigt werden, dass eine maximale Muskelproteinsyntheserate mit etwa 0,24 g/kg KG Protein pro Mahlzeit erreicht werden kann. Dies gelang auch bei älteren Männern (durchschnittlich 71 Jahre), aber dafür war bei ihnen eine deutlich höhere Proteinmenge von 0,4 g/kg KG nötig. Bei drei Mahlzeiten täglich komme man also auf etwa 1,2 g/kg KG pro Tag für eine maximale Muskelproteinsyntheserate, rechnete die Referentin vor.

TEILEN
Datenschutz
Mehr von Avoxa