Die Kombination aus ADHS und Autismus kann sich sowohl gegenseitig abmildern als auch verstärken. Während autistische Menschen häufig Struktur und feste Abläufe benötigen, suchen Menschen mit ADHS laut Astrid Neuy-Lobkowicz eher Abwechslung und Stimulation. Diese Gegensätze können sich teilweise ausgleichen – allerdings um den Preis hoher Anstrengung. »Es ist wahnsinnig anstrengend, weil dann sozusagen zwei Seelen in ihrer Brust wohnen.«
Sascha Reiners beschreibt die Kombination als »Feuer und Eis«. Das eine Bedürfnis kann das andere überfordern: »Das eine braucht, was das andere nicht vertragen kann.« Dieses Spannungsverhältnis kann dazu führen, dass Betroffene schneller erschöpfen und Strategien, die bei einer der beiden Diagnosen helfen, bei der jeweils anderen nicht funktionieren.
Ist eine Behandlung etwa wegen hohen Leidensdrucks nötig, muss sie laut Astrid Neuy-Lobkowicz individuell auf beide Neurodivergenzen abgestimmt werden. Für Autismus gibt es keine spezifische Medikation, bei ADHS kann eine passende medikamentöse Behandlung unter anderem Impulsivität und Konzentrationsprobleme reduzieren.
Gleichzeitig können autistische Merkmale nach einer erfolgreichen ADHS-Behandlung stärker sichtbar werden, weil die ADHS-Symptome zurückgehen.
Klassische Strategien für die einzelnen Diagnosen greifen laut Sascha Reiners bei AuDHS häufig zu kurz: Mehr Abwechslung kann bei ADHS helfen, bei Autismus aber überfordern – ein stark strukturierter Alltag wiederum kann den ADHS-Anteil unterfordern. Entscheidend ist, die Bedürfnisse beider Seiten miteinander zu verbinden.
Bei sogenannten Meltdowns und Shutdowns gibt es laut Reiners keinen einzelnen Trick. »Das sind Zustände von Überlastung, bei denen es entweder zu einem Rückzug nach innen oder zu einer extremen Reaktion kommen kann, bei der man vielleicht aggressiv wird oder Wutanfälle bekommt«, erklärt er. Entscheidend sei, die Ursachen der Überforderung zu erkennen und die Gesamtbelastung zu reduzieren.
Dabei können weniger Reize, feste Routinen, ausreichend Pausen und Regenerationszeiten sowie einfache Hilfsmittel zur Selbstorganisation helfen. Wichtig ist, persönliche Frühwarnzeichen zu erkennen und sich rechtzeitig aus belastenden Situationen zurückzuziehen. Aber wie?
Der erste Schritt sei, die eigene Neurodivergenz zu verstehen. »Sie müssen verstehen, dass die neurodivers sind, dass sie anders zur Welt gekommen sind und dass niemand was dazu kann«, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. Sie spricht von einer »Gebrauchsanweisung« für sich selbst. Heißt konkret: Wer versteht, was anders funktioniert und worauf er achten muss, kann die eigene Lebensgeschichte besser einordnen und Bedürfnisse klarer kommunizieren.
Auch der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen, etwa in Selbsthilfegruppen, hilft vielen Betroffenen. »Das ist oft so eine unheimliche Entlastung, dass sie sehen, nicht ich bin verkehrt, sondern ich bin anders«, so Fachärztin Neuy-Lobkowicz. Das könne die Selbstakzeptanz stärken und dabei helfen, sich weniger an äußeren Erwartungen zu orientieren. Entscheidend ist, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und den Alltag entsprechend zu gestalten.